Nahost

„Wie zwei Pferde gleichzeitig zu reiten“

Der Krieg zwischen Israel und der Hamas hat eine lange Vorgeschichte. Sie begann mit der britischen Mandatsherrschaft über Palästina zwischen 1922 und 1948. Militante Palästinenser versuchten damals, jüdische Einwanderer mit Gewalt aus dem Heiligen Land zu vertreiben. Eine Zwei-Staaten-Lösung lehnten sie ab.

VON HOLGER CHRISTMANN
18. Januar 2024
Mit ihnen begann der moderne Kampf ums Heilige Land (v.l.): Kolonialminister Winston Churchill, Hochkommissar Herbert Samuel, Zionistenführer Chaim Weizmann mit Prinz Faisal, der Großmufti von Jerusalem und Hitler-Bewunderer, Mohammed Amin al-Husseini. Illustration: Steffi Christmann (Foto: Alamy, Pexels)

Der Konflikt zwischen Juden und Arabern in Palästina begann nicht erst mit der Staatsgründung Israels 1948, sondern bereits unter der britischen Mandatsherrschaft zwischen 1922 und 1948. In dieser Zeit regte sich heftiger arabischer Widerstand gegen die jüdische Besiedlung Palästinas. Militante Araber verübten die ersten Anschläge auf Juden. Die jüdische Gemeinschaft lernte, sich zu wehren und gründete die bewaffnete Miliz Hagana. Frustriert von der Unlösbarkeit des Konflikts, gaben die Briten ihr Mandat 1948 an die Vereinten Nationen zurück. Im Peel-Report zogen sie wichtige Lehren aus drei blutigen Jahrzehnten, die nichts an Aktualität verloren haben.

Der Terrorangriff der Hamas gegen israelische Zivilisten am 7. Oktober vergangenen Jahres, bei dem weit über tausend Menschen getötet wurden, hatte auch für die an Terroranschläge gewöhnten Israelis eine neue Dimension. Die militärische Reaktion Israels fiel massiv aus. Die israelische Armee hat 30 000 Ziele im Gaza-Streifen angegriffen und dabei nach eigenen Schätzungen 9000 Terroristen, aber auch eine unklare Zahl an Zivilisten getötet (die von der Hamas kontrollierten Behörden in Gaza sprechen von 24 000 Opfern).

Die Geschichte des Konflikts zwischen Juden und Arabern Palästinas zeigt, dass sich hasserfüllte Mordlust auf arabischer Seite und harte jüdische Gegenwehr sich dort schon immer gegenseitig bedingten. Der Konflikt begann dabei nicht erst mit der arabischen Ablehnung des UN-Teilungsplans und der Ausrufung des Staates Israel am 14. Mai 1948, den die arabischen Staaten mit einem Angriff auf den jungen Staat beantworteten, der für sie mit der ersten heftigen Niederlage endete (es folgten weitere Demütigungen im Sechstagekrieg 1967 und im Yom-Kippur-Krieg 1973). Die Spirale der Gewalt begann vielmehr schon in den 1920er und 1930er-Jahren, in der Zeit der britischen Mandatsherrschaft über Palästina. Damals machten Araber erstmals gezielt Jagd auf jüdische Einwanderer. Die Schilderungen von Massakern ähneln denen vom 7. Oktober. Die Juden schlugen zurück. Ehemalige Mitglieder der Jüdischen Legion, die an der Seite der Briten Kriegserfahrung gesammelten hatten, gründeten die bewaffnete Untergrundorganisation Hagana. Juden verübten Racheakte an Arabern. Die britische Mandatsmacht musste mehrfach Armee und Polizei verstärken, um die Gewalt in den Griff zu bekommen. Als sie 1947 ihr Mandat erschöpft an die Vereinten Nationen zurückgab und im Mai 1948 die letzten britischen Beamten Palästina verließen, griff die UN die Idee einer Zwei-Staaten-Lösung wieder auf, die eine britische Kommission bereits Mitte der dreißiger Jahre vorgeschlagen hatte. Die arabischen Staaten lehnte diese Lösung ab und griffen Israel noch am Tag der Staatsgründung an.

Militante Palästinenser gaben die Hoffnung, Israel besiegen und auslöschen zu können, nie auf. Diese Gruppen würde auch eine Zwei-Staaten-Lösung nicht von dem Kampf für ihr Maximalziel eines arabischen Staates von Damaskus bis zum Mittelmeer nicht abbringen. Die Hamas führt den Kampf der 1920er und 1930er Jahre fort und beruft sich bis heute auf antisemitische Chefideologen von damals.

Die Briten mussten den Suezkanal schützen

Als General Edmund Allenby im Dezember 1917 Jerusalem eroberte, endete damit eine Epoche. Vierhundert Jahre beherrschte das Osmanische Reich Palästina, nun sollte erstmals seit den Kreuzzügen wieder ein christliches Heer in Jerusalem einmarschieren. Die Briten fanden eine rückständige Region vor, die „von der Lethargie und Misswirtschaft des osmanischen Vorkriegsregimes gezeichnet“ war, wie die britische Peel-Kommission befand. Im 19. Jahrhundert hatte Palästina, ausgelöst durch die Tanzimat-Reformen, mit denen Privateigentum erleichtert und Wirtschaft und Handel angekurbelt wurden, einen zarten Aufschwung erlebt. Doch die „überwiegend arabisch geprägte Bevölkerung fristete vor allem in den Hügeln ein prekäres Dasein“, so der Bericht. „In den Ebenen, wo Leben und Besitz weniger sicher waren, waren die Bewässerungsanlagen, wie es sie in der Antike gegeben hatte, längst verschwunden. Rund um Jaffa wurden Orangen angebaut, aber der größte Teil des Meeresgürtels war nur dünn besiedelt und wurde nur spärlich bebaut. Esdraelon (die Jezreel-Ebene, Anm. d.Red.) war größtenteils sumpfig und malariaverseucht.“ Erst Briten und jüdische Einwanderer investierten in Verkehrsinfrastruktur, Wasserversorgung und Wirtschaft, so dass auch die arabische Mehrheit in den 1930er  Jahren einen höheren Lebensstandard genoss.

Feldmarschall Edmund Allenby im Dezember 1917 vor dem Jaffator in Jerusalem kurz nach nach dem Einmarsch seiner Truppen in die Stadt. Foto: Library of Congress/Carpenter Collection

Der Niedergang des Osmanischen Reiches hatte sich seit längerem angedeutet. Nachdem die Türken 1911 im Krieg gegen das Königreich Italien Tripolitanien, die Cyrenaika und den Dodekanes verloren hatten, verbündeten sie sich im Ersten Weltkrieg mit den Mittelmächten Deutsches Reich und Österreich-Ungarn. Die Briten fürchteten vor allem die Folgen für die Sicherheit des Suezkanals. Der war schon damals eine Lebensader des Welthandels, und er stellte für die Briten die unverzichtbare Verbindung mit ihrer Kronkolonie Indien dar. Ihre Sorge sollte sich bewahrheiten. Prompt überfielen die Türken unter Führung des deutschen Generals Georg Kress von Kressenstein Ende Januar 1915 den Suezkanal. Die Briten wehrten den Angriff binnen weniger Tage ab und suchten sich einen Verbündeten im Kampf gegen die Türken. Diesen fanden sie in dem Anführer der Stämme des Hedschas, der Region im Westen der arabischen Halbinsel. Der Haschemitenfürst Hussein ibn Al, zugleich Hüter der heiligen Stätten von Mekka war bereit eine Rebellion gegen die Fremdherrscher zu wagen, verlangte jedoch in einem berühmten Briefwechsel mit dem britische Hochkommissar in Kairo, Sir Henry McMahon, Zusagen. Er forderte, nach der Vertreibung der Osmanen Oberhaupt eines von ihm zu gründenden unabhängigen arabischen Staats zu werden. McMahon versprach, dieses Ziel zu unterstützen, wobei keine Einigung darüber erzielt wurde, wo die Grenzen des arabischen Staates verlaufen sollten. Das Arabische Büro, die britische Nachrichtendienstzentrale in Kairo, beauftragte den Archäologen und Nachrichtendienstoffizier T.E. Lawrence („Lawrence von Arabien“) mit der Koordination des arabischen Aufstands.  Im Mai 1916 schlossen die Briten ein Geheimabkommen mit Frankreich, in dem die Bündnispartner den Nahen Osten unter sich aufteilten. Im Sykes-Picot-Abkommen, benannt nach den Verhandlungsführern Sir Mark Sykes und Francois Georges-Picot, einigten sich die beiden Mächte unter Zustimmung Russlands für den Fall eines Sieges über die Osmanen auf eine französische und eine britische Einflusszone. Die britische Zone umfasste Palästina und Mesopotamien, die französische den Libanon und Syrien. Lawrence beklagte, dass sein Land  den Stämmen des Hedschas ein Reich versprach, das mit dem Sykes-Picot-Abkommen schwer vereinbar war: „Wir rufen sie auf Basis einer Lüge dazu auf, für uns zu kämpfen, und das ertrage ich nicht“, beschwerte er sich über die Behandlung der arabischen Bündnispartner.

Die Balfour-Erklärung war umstritten

Während General Edmund Allenby zwischen Oktober und Dezember 1917 mit seiner Streitmacht von 100 000 Soldaten, 46 000 Pferden und 20 000 Kamelen Be’erscheba, Gaza und schließlich Jerusalem einnahm, gab der britische Außenminister Lord Arthur James Balfour am 2. November 1917 auch dem jüdischen Volk ein Versprechen. Der Zeitpunkt war heikel, denn er konnte in einem strategisch entscheidenden Moment für Unruhe unter den arabischen Verbündeten sorgen.

In einem Brief an den Bankier Lord Lionel Walter Rothschild schrieb Balfour, die Regierung seiner Majestät betrachte die Einrichtung einer „nationalen Heimstätte“ für das jüdische Volk in Palästina mit Wohlwollen und werde ihr Bestes tun, um die Erreichung dieses Ziels zu erleichtern. Er schränkte zugleich ein, es dürfe nichts unternommen werden, „was die bürgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden nicht-jüdischen Gemeinschaften in Palästina beeinträchtigen könnte oder das Recht und den politischen Status der Juden in irgendeinem anderen Land in Frage stellt“. „Ich wäre Ihnen dankbar“, schloss Balfour, „wenn Sie diese Erklärung der Zionistischen Föderation zur Kenntnis bringen würden“.

Arthur James Balfour 1925 beim Besuch jüdischer Siedlungen in Palästina. Als britischer Außenminister hatte er 1917 die Deklaration verfasst, die dem jüdischen Volk eine Heimstätte in Palästina versprach. Foto: Library of Congress/Matson Photograph Collection

Der israelische Historiker Tom Segev nennt in seinem Buch „One Palestine, Complete, Jews and Arabs under the British Mandate“, erschienen 2000 (die wieder erhältliche deutsche Ausgabe trägt den Titel „Es war einmal ein Jerusalem“) mehrere Gründe für das Bündnis Großbritanniens mit dem jüdischen Volk. Er schreibt, zum einen habe es in der protestantisch geprägten politischen Elite Großbritanniens eine tiefe Sympathie für die Sehnsucht des biblischen Volkes nach einer Rückkehr in seine historische Heimat gegeben. Herbert Samuel, erster britischer Hochkommissar in Palästina, wies darauf hin, dass er in der Schule mehr über die Geschichte der Juden gelernt habe als über englische Geschichte.  Wegen Despotismus, Korruption, Rückständigkeit und Schmutz im osmanischen Palästina habe die Welt seit Jahrhunderten keinen Nutzen mehr aus diesem Land gezogen. Mit den Juden würden Fortschritt und Aufklärung dort Einzug halten. Nicht nur unter Antisemiten, sondern auch in westlichen Regierungen war zudem die Auffassung verbreitet, dass Juden in Politik und Finanzwelt besonders einflussreich seien. Lord Robert Cecil, Unterstaatssekretär im Außenministerium, raunte, es sei „nicht leicht, die jüdische Macht zu überschätzen“. Besonders traf dies nach Auffassung britischer Regierungskreise auf die Vereinigten Staaten zu, die besonders viele Juden aufgenommen hatten. Einflussreiche amerikanische Juden sollten auf die Regierung der Vereinigten Staaten einwirken, damit diese Großbritannien im Krieg unterstütze.

Die Balfour-Erklärung war im britischen Armeeführung sehr umstritten. Hohe Offiziere zeigten wenig Verständnis für das zionistische Projekt. Allenbys politischer Offizier, Brigadegeneral Gilbert Clayton, warnte davor, die Araber zu verärgern. Offiziere spotteten, die Regierung habe ein Pferd an zwei Käufer gleichzeitig verkauft.

Chaim Weizmann half den Briten durch eine Erfindung

Einfluss auf die britische Position hatte der britische Zionistensprecher und spätere Präsident der Zionistischen Weltorganisation, Chaim Weizmann. Weizmann nutzte jede Gelegenheit, um die britische Regierung für die Ziele des Zionismus zu gewinnen. Charles P. Scott, Chefredakteur des Manchester Guardian, half ihm, in Kontakt mit dem britischen Premierminister zu kommen. Weizmann schien gleichzeitig ein Beleg dafür zu sein, wie wertvoll ein Bündnis mit jüdischem Genius sein konnte. In einem Labor der britischen Admiralität hatte der gelernte Chemiker eine militärisch bedeutende Erfindung gemacht, als er ein neues Verfahren für die Gewinnung von Aceton entwickelte, das für die Herstellung von Artillerie-Munition wichtig war. Als der britische Premierminister Lloyd George ihm für diese Erfindung dankte, antwortete Weizmann, der einzige Lohn, den er sich erhoffe, sei eine Heimat für das jüdische Volk. 

Den Briten wussten, dass es klüger war, die Araber in das Projekt einer jüdischen Heimstätte einzubinden. Vor der Friedenskonferenz von Versailles drangen sie Weizmann, auf die arabische Seite zuzugehen. Auf ihr Drängen hin traf sich der Zionistenführer in Aqaba am Roten Meer mit Prinz Faisal, dem Sohn Hussein ib Alis. Das Treffen des arabischen und des jüdischen Anführers in der Wüste sollte auf Jahrzehnte hin einer der wenigen Lichtblicke arabisch-jüdischer Zusammenarbeit bleiben. Am 3. Januar 1919 unterzeichneten die beiden ein Dokument, in dem sich Faisal mit der Einwanderung von Juden nach Palästina „in großem Umfang“ einverstanden erklärte, vorausgesetzt, er erhalte ein unabhängiges arabisches Königreich. Allerdings gab es im Nachhinein Unstimmigkeiten über den Grenzverlauf. Umfasste es Südsyrien und damit Palästina oder nicht? McMahon behauptete, es habe niemals in seiner Absicht gelegen, den Arabern Palästina zu geben. Tom Segev schreibt, das britische Parlament habe in den 1920er Jahren „mindestens zwanzig Mal“ darüber debattiert, was genau den Arabern versprochen worden war. 

Drei Männer, die Nahostgeschichte schrieben (v.l.): Feldmarschall Edmund Allenby, Arthur Balfour und Herbert Samuel, erster Hochkommissar der britischen Mandatsverwaltung. Foto: Library of Congress/Matson Photograph Collection

Prinz Faisal eroberte schließlich mit seinen Truppen Damaskus. Der syrische Nationalkongress proklamierte ihn am 7. März 1920 zum König von Syrien. Als die alliierten Mächte im April 1920 in Sanremo die Ausrufung des Königreichs Syrien für ungültig erklärten und im Einklang mit dem geheimen Sykes-Picot-Abkommen Frankreich das Mandat für Syrien und den Libanon zusprachen, war sein Traum zerplatzt. In der Schlacht von Maysalun am 24. Juli 1920 brachen die Franzosen den letzten Widerstand von Faisals Armee. Kolonialminister Winston Churchill schlug Faisal im März 1921 als neuen König für das britische Mandatsgebiet Irak vor. In einem Plebiszit entschied sich die Bevölkerung für den neuen Monarchen. Araber Palästinas, die gehofft hatten, Teil eines syrischen Königreichs unter dem angesehenen Haschemitenkönig zu werden, mussten sich nun damit abfinden, eine Provinz unter britischer Kontrolle zu sein, die dem jüdischen Volk versprochen war, wenn auch von einem jüdischen Staat nicht die Rede war.

1922 beschloss der Völkerbund offiziell das Mandat Großbritanniens für Palästina und Mesopotamien, Frankreich wurde mit der Verwaltung des Libanons und Syriens beauftragt. Das britische Mandatsgebiet war anders als Indien oder Hongkong keine klassische Kolonie, in denen britische Gesetze galten. Die Briten verwalteten die Region nach Prinzipien des Völkerrechts treuhänderisch für die Weltgemeinschaft. Diesen Auftrag wollten sie mit möglichst geringem Kostenaufwand erfüllen, was dazu führte, dass Polizei und Armee ihrer Aufgabe kaum gerecht werden konnten. Teil des Völkerbundauftrags war es, die Balfour-Erklärung umzusetzen, dem jüdischen Volk eine Heimat in Palästina zu geben. Dieser Auftrag machte die Mandatszeit für die Briten zu einem permanenten Balanceakt zwischen den Forderungen der Zionisten und denen der arabischen Nationalbewegung. Die begehrte mehr und mehr dagegen auf, dass jährlich tausende Juden unter britischer Protektion nach Palästina einwanderten und Land aufkauften.

Araber verkauften ihr Land bereitwillig an Juden

Juden, vor allem Sepharden, lebten seit Jahrhunderten in Palästina lebten. Ihre Zahl belief sich Ende des 19. Jahrhunderts auf 25 000. 1830 begann eine Einwanderungswelle aus Deutschland und aus orientalischen Ländern wie der Türkei, Nordafrika, Irak, Persien, Assyrien, Afghanistan, dem Kaukasus und Jemen. Sie erwarten die Ankunft des Messias für das jüdische Jahr 1840. Es folgten osteuropäische und russische Juden, die häufig vor der antisemitischen Stimmung und den Pogromen in ihren Herkunftsländern flohen.

Die zionistische Bewegung hatte stets geplant, Palästina käuflich zu erwerben. Sie fand dafür reiche Gönner: 1894 erwarb der französische Bankier Baron Edmond de Rothschild auf den Golanhöhen Land für jüdische Siedler. Um die Jahrhundertwende gründeten die Zionisten den Jüdischen Nationalfonds. Dessen Hauptaufgabe bestand darin, mit Spenden des jüdischen Volkes Land in Palästina zu erwerben. Auch nach der Balfour-Erklärung verkauften arabische Grundbesitzer weiter Land an Juden. Manche lebten nicht in Palästina und sahen sich nach dem Ende der osmanischen Herrschaft und der territorialen Neuaufteilung der Region von ihren Besitzungen abgehängt. Ein Beispiel sind die Sursocks, die heute noch zu den großen Familien Beiruts gehören. Die griechisch-orthodoxe Händlerdynastie sorgte für den spektakulärsten Landverkauf in der Vorgeschichte der Gründung Israels. Sie veräußerte mehr als 300 Quadratkilometer fruchtbaren Ackerlandes in der Jesreel-Ebene im Norden Palästinas an jüdische Organisationen. Aber auch führende Familien Palästinas wie die al-Husseini und Naschaschibi hatten kein Problem damit, Juden Grund und Boden  zu verkaufen. Danach forderten sie besonders lautstark dazu auf, diese Praxis zu ächten. Die Zahl der Juden in Palästina wuchs schnell: Zwischen 1919 und 1923 kamen 40 000, zwischen 1924 und 1929 82 000, von 1929 bis 1939 suchten 250 000 Juden ihr Glück in Palästina, viele auf der Flucht vor dem NS-Regime.

1920 gab es in Palästina erste Anschläge auf Juden

Zwischen Arabern und eingewanderten Juden entwickelten sich durchaus Freundschaften und gute Nachbarschaft. Doch mit jedem Schiff, das in Jaffa und Haifa anlegte, merkten die Ankömmlinge, von denen viele vor Pogromen in Russland und Osteuropa geflohen waren, dass sie erneut um ihr Leben fürchten mussten: Am 1. März 1920 griffen hunderte Araber die jüdische Siedlung Tel-Hai im Norden Galiläas an. Sechs Männer und Frauen, die die Siedlung beschützen wollten, darunter ihr Kommandant Joseph Trumpeldor, starben. Trumpeldor, der im Ersten Weltkrieg der Jüdischen Legion der britischen Armee angehörte, wurde als Verteidiger Tel-Hais zum jüdischen Helden. 

Einen Monat später brachen in Jerusalem Unruhen aus. Das muslimische Nabi-Musa-Fest zu Ehren des Propheten Moses, das jüdische Pessachfest und das griechisch-orthodoxe Osterfest in dieselbe Woche fielen in dieselbe Woche. Die Muslime kamen mit Flaggen und Waffen, als zögen sie in den Krieg. Die Bilanz der Unruhen lautete: fünf Tote, 216 Verletzte und 18 Schwerverletzte auf jüdischer Seite, vier Tote, 23 Verletzte und ein Schwerverletzter auf arabischer Seite. Außerdem, so Segev, waren sieben Soldaten verletzt worden – wie es scheint, ausnahmslos von der aufgehetzten arabischen Menge. Die gewalttägigen Ausschreitungen, die folgten, „waren gewissermaßen der Startschuss für den Kampf um das Land Israel“, schreibt Segev.

Die Ausschreitungen führten dazu, dass einige Juden sich auf den Schutz durch die britische Polizei nicht mehr verlassen wollten. Ehemalige Mitglieder der Jüdischen Legion, die im Krieg in die britische Armee integriert war, gründete die Selbstverteidigungseinheit Haganah. Rund ein Jahr später konnte aber auch die jüdischen Kämpfer das nächste Massaker nicht verhindern. Am 1. Mai 1921 kam es aus Anlass sozialistischer Mai-Demonstrationen zum Massaker von Jaffa. Arabische Männer drangen in jüdische Wohnungen ein und ermordeten mit Eisenstangen, Messern und Schwertern Männer, Frauen und Kinder. Ein aufgebrachter Mob überfiel das Rote Haus, ein Hostel für jüdische Einwanderer. Die Bewohner hatten zu Mittag gegessen, als sie Schüsse hörten. Steine und Granaten flogen in den Hof der Herberge, der Mob durchbrach das Tor und machte Jagd auf unbewaffnete Hotelgäste. Araber vergewaltigten Mädchen und Frauen, arabische Polizisten schossen aus ihren Dienstwaffen auf Flüchtende.

Das Nabi-Musa-Fest 1920 in Jerusalem. Im Verlauf des Fests zu Ehren des Propheten Moses machten Araber erstmals Jagd auf jüdische Einwanderer. Für den israelischen Historiker Tom Segev waren diese Tage „eine Art Startschuss für den Kampf um das Land Israel“. Foto: Library of Congress/Matson Photograph Collection

Der britische Hochkommissar, Sir Herbert Samuel, ernannte eine Untersuchungskommission, die vom obersten Richter Palästinas, Sir Thomas Haycraft, geleitet wurde, und die Gründe der von Arabern ausgehenden Gewalt ermitteln sollte. Sie befand, dass sich die Araber vordergründig durch die Mai-Demonstrationen jüdischer Kommunisten und Sozialisten provoziert gefühlt hätten. Tiefere Motive für die Gewalt seien jedoch „Unzufriedenheit und Feindseligkeit gegenüber den Juden, die auf politische und wirtschaftliche Gründe zurückzuführen sind und mit der jüdischen Einwanderung sowie mit ihrer Vorstellung von der zionistischen Politik, die von jüdischen Vertretern stammt, zusammenhängen.“ Im Rahmen ihrer Arbeit verstieg sich die Kommission auch zu anthropologischen Beobachtungen: Araber seien gehorsamer, hätten aber eine Neigung zu Gewaltausbrüchen, während die Juden weniger gehorsam seien, dafür aber weniger zur Gewalt neigten. Um den arabischen Volkszorn zu beruhigen, kündigte Herbert Samuel in einer Rede zum Geburtstag des Königs im Juni 1921 an, die Quote für die jüdische Einwanderung an der ökonomischen Aufnahmefähigkeit Palästinas auszurichten.

Der Mandatsmacht gelang es immer schwerer, einen Ausgleich zwischen den zwei verfeindeten Bevölkerungsgruppen zu finden. Sir Arthur Wauchope, vierter Hochkommissar Palästinas, verglich seine Aufgabe mit der eines Zirkusartisten, der versucht, auf zwei Pferden gleichzeitig zu reiten, von denen das eine nicht schnell, das andere nicht langsam reiten könne. Polizei und Militär waren notorisch unterbesetzt, und es kam immer wieder vor, dass arabische Polizisten in britischen Diensten bei der Jagd auf Juden mitmachten. So bei den Massakern an Juden im August 1929. Diese ereigneten sich an mehreren Orten, werden aber vor allem mit der Stadt Hebron verbunden. Begonnen hatte alles damit, dass Juden an dem Platz vor der Klagemauer wiederholt Trennwände für betende Frauen und Männer und Stühle aufgestellt hatten. Die provisorische Möblierung sah für die Muslime so aus, als wollten die Juden den Platz in eine Synagoge verwandeln. Damit verstießen die Juden gegen eine Vereinbarung, wonach bauliche Veränderungen an dem Platz zu unterlassen seien. Araber setzten das Gerücht in Umlauf, die Juden wollten auf dem Tempelberg den Tempel König Salomos wieder aufzubauen. Es kam zu Unruhen und zum berüchtigten Massaker von Hebron.

Die Massaker von Hebron ähnelten denen vom 7. Oktober

Der frisch ernannte britische Polizeichef von Hebron, Raymond Cafferata, schilderte der „Palestine Commission on the Disturbances of August 1929“ was er sah, als er ein jüdisches Haus betrat: „Ein Araber war gerade dabei, einem Kind den Kopf abzuschlagen. Einmal hatte er bereits zuschlagen. Und wollte gerade ein zweites Mal ausholen, als er mich sah und stattdessen auf mich einhieb, aber sein Ziel verfehlte. Er befand sich praktisch vor der Mündung meines Gewehrs. Ich schoss ihm in den Unterleib. Hinter ihm sah ich eine blutverschmierte jüdische Frau mit einem Mann, den ich als Polizisten wiedererkannte, Issa Sherif aus Jaffa … Er stand mit einem Dolch in der Hand über die Frau gebeugt. Als er mich sah, flüchtete er in das nächste Zimmer und rief auf Arabisch: Ich bin Polizist, Euer Ehren. Ich folgte ihm in das Zimmer und erschoss ihn.“ 

Jüdische Bewohner berichteten der Kommission von weiteren Verbrechen: „Unter den Niedergemetzelten erkannte ich Eliesir Dan und seine Frau, meinen Freund Dubnikov, einen Lehrer aus Tel Aviv und viele andere. Fast alle waren mit Beilen und Messern am Kopf getroffen worden. Einige hatte gebrochene Rippen. Einige Leichen waren aufgeschlitzt, und die Eingeweide quollen raus … Unter den Verletzten erkannte ich meinen Bruder. Er hatte eine klaffende Kopfwunde, die von einem Beil herrührte, und einen großen Bluterguss an der Stirn, vermutlich von einem Stein. Ich bespritzte ihn mit Wasser, und er kam zu sich, aber wenige Stunden später erlag er seinen Verletzungen.“

Der 68-jährige Rabbi Meìr Kastel war gemeinsam mit dem 70-jährigen Rabbi Zwi Drabki und fünf jungen Männern kastriert worden. Den Bäcker Noha Imerman hate  man verbrannt. Zeugen berichteten weiter: „Der Mob tötete den Apotheker Ben-Zion Gerschon, einen Invaliden, der Juden wie Arabern mehr als vierzig Jahre lang treue Dienste geleistet hatte. Seine Tochter wurde vergewaltigt und ebenfalls getötet … der 70-jährige Jizchak Ben Hannah war an eine Tür gefesselt und zu Tode gequält worden … dem zweijährigen Menachem Segal hatte man den Kopf abgerissen.“ Diese Lust am bestialischen Morden klingt mit dem Wissen um die Gräueltaten vom 7. Oktober 2023 erschreckend vertraut. David Ben Gurion machte für das Massaker „alle Araber Hebrons“ verantwortlich, außer jene, „die ihren jüdischen Nachbarn Schutz gewährten“. Auch solche Araber gab es. Die Gewalt griff auf das ganze Land über. Aufständische Araber versuchten sogar, Tel Aviv zu überfallen. „Die Briten forderten Verstärkung aus Ägypten und Transjordanien an, aber trotz der zusätzlichen Einsatzkräfte setzen sich die Massaker fort“, schreibt Tom Segev.

Mohammed Al-Qassam war der erste Terrorprediger

Die 1930er-Jahre waren die Geburtsstunde des islamistischen Terrorismus in Palästina. Eine führende Rolle spielte der aus Syrien stammende Geistliche und Guerillakämpfer Scheich Muhammed Izz ad-Din al-Qassam. Er zog durch die Lande und rief die Bevölkerung in seinen Reden zur Gründung von Terrorzellen auf, die Juden und Briten gleichermaßen angreifen sollten. Al-Qassam islamisierte den Widerstand, indem er zum Djihad aufrief und die Scharia forderte. Im November 1935 kam er bei einem Feuergefecht mit britischen Soldaten ums Leben und erlangte Märtyrerstatus. Wie um zu demonstrieren, dass sie seinen Kampf weiterführen, haben sich die Qassam-Brigaden nach ihm benannt, jener militante Zweig der Hamas, der den Terrorangriff vom 7. Oktober letzten Jahres ausführte. Ein weiteres Beispiel dafür, dass die Vorbilder für den Krieg der Palästinenser gegen Israel in der Zeit der britischen Mandatsherrschaft zu finden sind, sind die Qassam-Raketen. Auch sie verdanken ihren Namen dem  Terrorprediger, den die Briten erschossen.

Der Großmufti bewunderte Hitler

Zu den eingefleischten Antizionisten und Ikonen des palästinensischen Nationalismus gehörte auch Mohammed Amin al-Hussaini. Nach den Nabi-Musa-Unruhen verurteilten ihn die Briten wegen Aufwiegelung zu zehn Jahren Haft. Um die Volksseele zu beruhigen, ernannten sie den Angehörigen einer einflussreichen arabischen Familie jedoch ein Jahr später zum neuen Mufti von Jerusalem. Hussaini wurde auch Präsident des Obersten Muslimischen Rats, der den Arabern die religiöse Selbstverwaltung ermöglichen sollte. Er beteuerte, er glaube an die guten Absichten der Briten gegenüber den Arabern, und tatsächlich hielt er für einige Zeit den öffentlichen Frieden in Jerusalem aufrecht. Später radikalisierte er sich. Es kamen Gerüchte auf, dass al-Husseini zahlreiche Unruhen angezettelt habe. Mit der Behauptung, Juden planten, die heiligen Stätten des Islams in Jerusalem zu entweihen und einen neuen Tempel zu errichten, habe er 1929 die Massaker von Hebron ausgelöst. Der Großmufti, wie ihn die Briten nannten, lud den Kampf gegen die Juden in Palästina mit religiösen Motiven auf. 1935 verhängte er eine Fatwa, die ganz Palästina zum „anvertrauten Gut“ der Muslime erklärte. Auch mit dem Ausbruch des Großen Arabischen Aufstands 1936 wurde er in Verbindung gebracht. Für die Rebellen soll der Mufti Waffen des NS-Regimes organisiert haben. Drei Jahre lang versuchten die Araber, das Land mit Generalstreiks und Terrorangriffen auf Eisenbahnlinien, jüdische Siedlungen und Kaffeehäuser zu destabilisieren. Die Briten wandten erstmals nun selbst massive Gewalt an, etwa das Niederbrennen von Dörfern, um den Aufstand niederzuschlagen. Unter den Juden wurde der Ruf nach Rache lauter. Die Irgun, eine Abspaltung der Haganah, übte Vergeltung, indem sie Überfälle und Bombenanschläge auf arabische Kaffeehäuser und Märkte verübte.

Muhammad Amin al-Husseini, Großmufti von Jerusalem, war Geistlicher, Nationalist und radikaler Antisemit. In den 1940er Jahren lebte er in Berlin und stellte sich in den Dienst des NS-Regimes. Foto: Wikipedia

Während der Große Arabische Aufstand tobte, reiste 1936 eine Königliche Palästina-Kommission unter Leitung des ehemaligen Indien-Ministers William Peel durch die Region, um Verantwortliche zu befragen und für die Regierung in London einen Lagebericht zu erstellen. 

Der 300seitige Abschlussbericht der Peel-Kommission ist eines der besten Dokumente zum Verständnis der Zeit und der Ursprünge des Nahostkonflikts. Er arbeitet die jüdische Geschichte und die Entwicklung Palästinas auf, erklärt Möglichkeiten und Grenzen der Mandatsherrschaft, und er geht auf die wirtschaftliche Lage und die Befindlichkeiten beider Seiten ein. Unter anderem stellt der Bericht fest, dass die Bevölkerung Palästinas, entgegen der Klagen, die sie erhob, von der jüdischen Einwanderung profitiert habe, weil durch jüdische Investitionen der allgemeine Wohlstand im Land gestiegen sei. 

Die Briten erkannten
die Probleme des Schulsystems

Als ein Beispiel für die Unvereinbarkeit der beiden Völker sah die Peel-Kommission die Diskrepanz der Bildungssysteme. Die Juden, so heißt es, finanzierten ihre Schulen weitgehend selbst und mit hohen Budgets, während die arabischen Schulen auf öffentliche Unterstützung angewiesen waren und schlechter ausgestattet waren. „Schlimmer als die Unzulänglichkeit der arabischen Schulen ist jedoch der nationalistische Charakter der in den Schulen beider Gemeinschaften vermittelten Bildung, und dafür sieht die Kommission keinerlei Abhilfe. Das ideale Bildungssystem wäre ein einziges bi-nationales System.“ Die Briten schlugen vor, dass Jungen und Mädchen jedes Volkes in der Primarstufe in getrennten Schulen oder zumindest in getrennten Klassen unterrichtet werden, da die Unterrichtssprache ihre jeweilige Landessprache sein müsste, doch sollte der Beherrschung der englischen Sprache große Aufmerksamkeit gewidmet werden. „In der Sekundarstufe würden sie Seite an Seite in denselben Schulen und ausschließlich in Englisch unterrichtet. Auf dieser Stufe wäre ein wichtiger Teil des Lehrplans den Sprachen, der Literatur und der Geschichte beider Völker gewidmet. Wäre es in Palästina machbar gewesen, hätte ein solches System, das von Anfang an eingeführt und konsequent verfolgt worden wäre, innerhalb einer Generation dazu beitragen können, die Schranken zwischen Juden und Arabern zu überwinden und ein Gefühl der gemeinsamen palästinensischen Staatsbürgerschaft zu entwickeln. Aber es war nicht durchführbar. Artikel 15 schloss es aus.“ Dieser Artikel des Völkerbundmandats räumte jeder Gemeinschaft das Recht ein, ihre eigenen Schulen für die Ausbildung ihrer Mitglieder in ihrer eigenen Sprache zu unterhalten.

Die Peel-Kommission stellte fest, dass die jüdische Gemeinschaft anders als die arabische überwiegend europäisch geprägt sei. Das kulturelle  und gesellschaftliche Leben der beiden Völker, ihre Denk- und Verhaltensweisen seien ebenso unvereinbar wie ihre nationalen Bestrebungen. Letztere seien das größte Hindernis für den Frieden. Araber und Juden könnten möglicherweise lernen, in Palästina zusammen zu leben und zu arbeiten, wenn sie sich aufrichtig bemühen würden, ihre nationalen Ideale miteinander zu versöhnen und zu kombinieren und so mit der Zeit eine gemeinsame oder doppelte Nationalität aufzubauen. Aber … „der Krieg und seine Folgen haben alle Araber in der Hoffnung bestärkt, in einer freien und geeinten arabischen Welt die Traditionen des goldenen arabischen Zeitalters wiederzubeleben. Die Juden sind in ähnlicher Weise von ihrer historischen Vergangenheit inspiriert. Sie wollen zeigen, was das jüdische Volk erreichen kann, wenn es im Land seiner Geburt wieder heimisch wird. Eine nationale Assimilierung zwischen Arabern und Juden ist somit ausgeschlossen.“

Die Peel-Kommission riet erstmals zur Zwei-Staaten-Lösung

Für die Mitglieder Peel-Kommission gab es nur eine Möglichkeit, die verfeindeten Völker auseinanderzubringen: eine Zwei-Staaten-Lösung.  Einer Million Arabern, so die Kommission, standen Mitte der 1930er Jahre 400 000 Juden gegenüber, keine Seite konnte die andere besiegen.

Die Kommission kam zu dem Schluss, dass nur eine Zwei-Staaten-Lösung für dauerhaften Frieden sorgen könne. Ihr Vorschlag für eine Aufteilung sah einen großen arabischen (achtzig Prozent des Mandatsgebiets) und einen kleinen jüdischen Staat (zwanzig Prozent) vor. Dieser Teilungsplan, der zum Vorteil der arabischen Seite ausgefallen wäre, fand Befürworter in der arabischen Bevölkerung, doch vor allem der Großmufti und seine Anhänger lehnten ihn strikt ab. Am 17. Juli 1937 entkam er einem Verhaftungsversuch der Briten durch Flucht in die Al-Aqsa-Moschee. Von dort aus soll er in den Folgemonaten moderate Araber reihenweise ermorden haben, bis niemand mehr der Teilung Palästinas öffentlich zuzustimmen wagte. Al-Hussaini floh schließlich nach Berlin. Mit dem NS-Regime verband ihn sein glühender Antisemitismus. 1941 wurde er in der Reichskanzlei von Adolf Hitler empfangen. Er stellte sich als Propagandist in den Dienst des Regimes, besichtigte Konzentrationslager, ließ sich von Adolf Eichmann und Heinrich Himmler die „Endlösung“ der Judenfrage erläutern und rekrutierte auf dem Balkan Muslime für den Aufbau der bosnischen Waffen-SS. Er bot an, eine deutsche Eroberung Palästinas mit arabischen Guerillabanden zu unterstützen und plante, auch in Palästina Vernichtungslager für Juden einzurichten. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte er unbehelligt in Beirut, wo er zum Ziehvater Jassir Arafats wurde, der ihn als Helden bewunderte. Al-Hussainis Werdegang zeigt, dass der Übergang zwischen palästinensischem Nationalismus und mörderischem Antisemitismus fließend ist.

Im Zweiten Weltkrieg war der Jischuv, die jüdische Gemeinde Palästinas, besorgt, dass die Wehrmacht Palästina erobern und mit den Arabern ein Bündnis eingehen könnte. Doch in der Schlacht von El-Alamein schlugen die Briten Rommels Panzerarmee zurück und wahrten damit auch die Chance der Juden auf eine Heimstätte im Gelobten Land. Die Briten hielten  ihre schützende Hand über das jüdische Palästina – das, obwohl Terrorgruppen wie Irgun und Lechi in den 1940er-Jahren auch Anschläge auf britische Beamte und Einrichtungen verübte. Der bekannteste war der Bombenanschlag auf den Südflügel des King-David-Hotels, in dem die britische Mandatsverwaltung ihren Sitz hatte. In Kairo ermordete ein Lechi-Aktivist in Kairo Lord Moyne, den Minister-Resident Großbritanniens für den Nahen Osten.

1947 gaben die Briten ihr Mandat entnervt und erleichtert an die Vereinten Nationen zurück und baten diese um eine Lösung. Das Ergebnis war am 29. November 1947 die Resolution 181 der UN-Vollversammlung zur Teilung des britischen Mandatsgebiets Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Teil. Die Juden nahmen ihn an, die Araber Palästinas und die arabischen Staaten lehnten ihn ab. Kurz darauf begannen arabische Milizen ihren Krieg gegen die Juden Palästinas. In diesen Monaten zeigte sich bereits, dass die jüdischen Truppen besser organisiert und besser ausgerüsteten waren. Am 14. Mai 1948 holten die Briten ihre Flaggen ein. Am selben Tag rief David Ben-Gurion den Staat Israel aus. Noch in der Nacht zum darauffolgenden Tag überfiel eine Koalition aus Ägypten, Syrien, Libanon, Jordanien und Irak den jüdischen Staat. Der Palästinakrieg endete für die arabischen Staaten mit einer verheerenden Niederlage.

Als die Palästinenser noch die Chance auf einen eigenen Staat hatten, lehnten die arabischen  Führer jede Verständigung ab. Azzam Pascha, Sekretär der Arabischen Liga, antwortete am 16. September 1947 zwei Vertretern der Jewish Agency, David Horowitz und Abba Eban, die ihn einen Kompromiss suchten: „Die arabische Welt ist zu keinem Kompromiss bereit. Ihr Vorschlag, Mr. Horowitz, mag durchaus vernünftig und logisch sein, doch über das Geschick von Völkern entscheiden nicht Vernunft und Logik. Völker machen keine Zugeständnisse; sie kämpfen. Mit friedlichen Mitteln oder Kompromissen erreicht man gar nichts. Wenn man etwas erreicht, dann durch Waffengewalt. Wir werden versuchen, euch zu schlagen. Ich bin nicht sicher, ob es uns gelingen wird, aber wir werden es versuchen. Es ist uns gelungen, die Kreuzfahrer zurückzuschlagen – andererseits haben wir Spanien und Persien verloren. Vielleicht werden wir auch Palästina verlieren. Doch es ist in jedem Fall zu spät, um noch von friedlichen Lösungen zu sprechen.“

Erst mehr als vier Jahrzehnte später, nachdem die PLO mit ihrem Kampf gegen Israel den Nahen Osten mehr als einmal in Flammen gesetzt hatte, war Jassir Arafat bereit, im Oslo-Abkommen eine Zwei-Staaten-Lösung zu akzeptieren.

Es ist richtig, dass auch Israel zum Scheitern des Friedensplans von Oslo beitrug. Eine halbe Million jüdischer Siedler lebt inzwischen im Westjordanland. Das verbliebene palästinensische Territorium ist schon jetzt zu löchrig für ein palästinensisches Staatsgebiet. Doch wie ernst meinten es die Palästinenser mit der Zwei-Staaten-Lösung, die sie so lange ablehnten? Laut einer Umfrage der Jerusalem Post von 2022 unterstützt nur ein Drittel der Palästinenser eine Zwei-Staaten-Lösung. Auch in Israel ist die Zahl nicht höher.

Die Hamas stellt in ihrer Charta klar, wie sie sich die Zukunft Palästinas vorstellt: als großen arabischen Staat, der einer kleinen Gruppe verbliebener Juden großherzig Religionsfreiheit gewährt. Es ist genau dasselbe Ziel, das der Großmufti und Hitler-Verehrer al-Hussaini in der Befragung der Peel-Kommission bekundete, was wieder zeigt, welche Bedeutung die Zeit der britischen Mandatsherrschaft für die Identitätsfindung der Palästinenser hat. Wer über einen Frieden nachdenkt, muss zumindest in Betracht ziehen, dass hinter 30 000 Hamas-Kämpfern im Gazastreifen, die es jüngst noch gab, eine unbekannte Zahl an offenen und heimlichen Unterstützern steht, die niemals eine Zwei-Staaten-Lösung unterstützen würden. Sie werden bestärkt von Iran und Hizbullah, die unter Palästinensern den Glauben am Leben halten, dass der jüdischen Staat doch irgendwann zu besiegen sei. Neuerdings bringt sich auch der totgeglaubte IS als Partner ins Spiel. Sich neu formierende Terroreinheiten des IS ermahnen die Palästinenser, dass nicht die ketzerischen Schiiten und Perser, sondern sie als Sunniten und Araber ihre wahren Verbündeten seien.

Das jüdische Volk hat aus den zwanziger und dreißiger Jahren gelernt, wie groß der Hass der Gegenseite sein kann und wie heimtückisch und wie grausam die Palästinenser selbst unbewaffnete Frauen, Kinder und Babys ermordeten. Der monströse Angriff vom 7. Oktober hat sie wieder daran erinnert. Umso heftiger fällt ihre Gegenwehr aus. Ein Neuanfang wäre nötig, zum xten Mal: Er müsste unter internationaler Aufsicht in der Entwaffnung jener Kräfte auf palästinensischer Seite bestehen, die noch nie Frieden mit Israel wollten und auch keine Zwei-Staaten-Lösung akzeptieren. Er müsste in der Erziehung und in den Schulbüchern ansetzen, die schon Kinder mit dem Hass auf die jüdischen Nachbarn infizieren. Die britische Peel-Kommission hatte diese Problem schon 1936 beschrieben. Ein Neuanfang würde bedeuten, dass israelische Siedler ihre Siedlungen im Westjordanland aufgeben. Doch der Weg zu diesem Schritt scheint weiter entfernt denn je. Hoffnung auf Frieden sieht anders aus.

© Holger Christmann