Mode

Handtaschen
und Handschellen

Der Mord an Maurizio Gucci kommt auf die Leinwand. Der Film erinnert an eine Dynastie, die vor hundert Jahren in Florenz begann, ein weltbekanntes Luxuslabel aufzubauen. Mit feinem Leder und Fans wie Grace Kelly und Jackie Kennedy erschuf sie ultimative Statussymbole. Später sahen sich die Familienmitglieder etwas zu oft vor Gericht. Und dann fielen Schüsse. Wir erzählen die Geschichte des Unternehmens und haben den Tatort besucht, an dem Maurizio Gucci ermordet wurde.

VON HOLGER CHRISTMANN
16. November 2021
Adam Driver und Lady Gaga in den Rollen von Maurizio und Patrizia Gucci. Foto: Fabio Lovino

Die Via Palestro 20 liegt in einem gediegenen Viertel Mailands. Die Straßen rund um den Corso Venezia verdanken ihre Pracht der Zeit der Habsburger. Unter der Regentschaft Kaiserin Maria Theresias erlebte die lombardische Metropole einen wirtschaftlichen und architektonischen Aufschwung, der sich unter Napoleon fortsetzte. Das Ergebnis waren elegante Bauten im Stil des Neoklassizismus wie das Teatro della Scala, der Palazzo di Brera, der Palazzo Reale und die Villa Belgioso, auch Villa Reale genannt. Ein italienischer Feldmarschall-Lieutenant und Diplomat in kaiserlichen Diensten, Ludovico Luigi Carlo Maria Barbiano di Belgiojoso, ließ sich damals vom Architekten Leopoldo Pollack, eine prächtige neoklassizistische Villa mit Park errichten. Seit genau hundert Jahren ist sie der Sitz der Galleria d’Arte Moderna. Nur eine Seitenstraße, die Via Marina, trennt das Museum von dem langgestreckten vierstöckigen Palazzo in der Via Palestro 20. Sechs Stufen führen vom Trottoir hinauf zu einem Eingang mit bodentiefen Fenstern und in ein Foyer mit rötlichen Marmorboden. Hier ereignete sich am 27. März 1995 ein Aufsehen erregendes Verbrechen. Am Morgen jenes Tages wurde in der Lobby Maurizio Gucci ermordet, der letzte CEO der weltbekannten Luxusmarke, der noch der Gründerdynastie angehörte.

Der Killer kam im
Kamelhaarmantel

Der 46-Jährige hatte das Gebäude morgens gegen 9 Uhr betreten. Er wohnte gleich um die Ecke, am Corso Venezia 38 und genoss es, sein Büro zu Fuß erreichen zu können. Wie immer war er elegant gekleidet. Es kann morgens zu dieser Jahreszeit noch frisch sein in Mailand. So trug er einen wärmenden Kamelhaarmantel über seinem Anzug. Der Auftragsmörder Benedetto Ceraulo wartete schon vor der Tür. Er tat so, als würde er auf den Klingelschildern einen Namen suchen, und der Ankömmling nahm keine Notiz von ihm. Der Mörder folgte Maurizio Gucci ins Foyer und zog aus seinem Mantel – seltsamerweise trug er genau wie sein Opfer einen Kamelhaarmantel – eine halbautomatische Beretta 7,65 mit Schalldämpfer hervor. Dreimal schoss er auf sein berühmtes Opfer, gefolgt von einem Colpo di Grazia, einem Gnadenschuss, in die Schläfe des am Boden liegenden Mannes.

Einer von zwei Zeugen war damals der Pförtner Giuseppe Onorato. Er kam mit einem Streifschuss davon. Zwei Jahre ermittelte die Polizei. Nachdem ein Teilnehmer des Mordkomplotts mit der Tat geprahlt hatte, verhaftete die Mailänder Polizei am 31. Januar 1997 Guccis Ex-Frau Patrizia Reggiani. Das Gericht befand sie in einem Indizienprozess für schuldig, den Mord an Maurizio Gucci in Auftrag gegeben zu haben.

Das echte Paar: Maurizio Gucci und seine Frau Patrizia 1984 im Gil’s Club in Porto Cervo. Im Jahr darauf verließ der Gucci-Chef die gemeinsame Wohnung in Mailand und kehrte nicht mehr zurück. 1991 ließ sich das Paar scheiden. Foto: Umberto Pizzi

Der Mann, der heute in der kleinen Pförtnerloge sitzt, bittet darum, im Innern nicht zu fotografieren. Er hat bemerkt, dass der Besucher von außen durch das bodentiefe Fenster Aufnahmen gemacht hat. Er klagt, dass immer wieder unangemeldet Leute kämen, um sich im Gebäude umzusehen. Der Kino-Film House of Gucci könnte noch mehr Schaulustige anlocken. In dem Streifen von Regisseur Ridley Scott (Alien, Gladiator) spielt Lady Gaga Patrizia Reggiani, Adam Driver schlüpft in die Rolle Maurizio Guccis. Das Drehbuch basiert auf dem im Jahr 2000 erschienenen Sachbuch The House of Gucci von Sara Gay Forden.

Der Mord an Maurizio Gucci war der Tiefpunkt in der Geschichte einer Dynastie, die in den Jahren vor dem Mord immer wieder durch interne Rivalitäten, Prozesse und Skandale Schlagzeilen machte. Da war der Vater-Sohn-Konflikt zwischen Maurizio und seinem Vater Rodolfo (im Film gespielt von Jeremy Irons), der die Verbindung des Sohns mit Patrizia Reggiani ablehnte. Es gab den Streit des Unternehmens mit Maurizios Cousin Paolo (Jared Leto), der sich als Designer nicht gewürdigt sah. Er verklagte die Firma und sogar den eigenen Vater, Aldo Gucci. Aldo (im Film verkörpert von Al Pacino) machte aus Gucci eine Weltmarke, wurde aber im hohen Alter wegen des Verstoßes gegen amerikanische Steuergesetze verurteilt und musste fünf Monate hinter Gittern verbringen. Gleichzeitig verklagte Aldo und seine Söhne Maurizio wegen Urkundenfälschung. Sie beschuldigten ihn, das Testament seines Vaters Rodolfo manipuliert zu haben und erwirkten einen Haftbefehl gegen den Miteigentümer des Unternehmens. Der musste für ein Jahr in die Schweiz flüchten. Maurizio ging verschwenderisch mit seinem eigenen und mit dem Firmengeld um und war am Ende heillos überschuldet. Erst der Verkauf seiner Gucci-Anteile machte ihn wieder zum reichen Mann. In den 1980er Jahren war Gucci für italienische Unternehmerfamilien ein mahnendes Beispiel dafür, wie man einen Familienbetrieb nicht führen sollte. „Das passiert, wenn jeder nur an seinen persönlichen Vorteil denkt anstatt an das Beste für alle“, schärften sie ihren Kindern ein.

Den vielen Problemen der Gucci-Familie steht das Lebenswerk von Guccio, Rodolfo, Aldo und Maurizio gegenüber. In zwei Generationen gelang es der Dynastie, aus einem Lederwarengeschäft in Florenz eine Weltmarke zu machen, ein Luxuslabel, das Stars und Royals und die Kinder der Oberschicht begeisterte. Auf ihrem Weg an die Spitze der Luxusbranche erwiesen sich die Gucci immer wieder als Pioniere. So verstanden sie früh, wie wichtig es war, in den Vereinigten Staaten Fuß zu fassen und Filmstars als Markenbotschafter zu gewinnen. Daraus lernte ein Designer wie Giorgio Armani, als er Jahrzehnte später auf dem amerikanischen Markt für Aufsehen sorgte, indem er Richard Gere im Film American Gigolo mit Armani-Anzügen ausstattete.

Der Tatort: In diesem Foyer in der Via Palestro 20 in Mailand wurde Maurizio Gucci am 27. März 1995 von einem Auftragsmörder erschossen. Foto: Holger Christmann

Wie so viele Luxusmarken, ob Louis Vuitton, Prada oder Hermès, begann Gucci als Hersteller von Leder- und Sattlerwaren. Der Aufstieg der Marke hat viel mit dem Aufschwung des Reisens zu tun. Statusbewusste Kunden benötigten repräsentatives Reisegepäck. Guccio Gucci (1883 bis 1953) hatte als Liftboy im feinen Londoner Savoy Hotel gearbeitet und gesehen, mit welchen Stapeln an Koffern feine Leute unterwegs waren. Mit seinen Ersparnissen gründete Guccio in seiner Heimatstadt Florenz, einer Stadt mit langer Tradition in der Lederverarbeitung, vor hundert Jahren ein Geschäft für Lederwaren, die Valigeria Gucci. Anfangs verkaufte er Produkte lokaler Hersteller, später beschäftigte er eigene Designer.

In Florenz fing
alles an

Der Jungunternehmer verliebte sich in die Florentiner Schneiderin Aida Calvelli, die er heiratete und mit der er fünf Söhne und eine Tochter hatte, Ugo, Grimalda, Enzo, Aldo, Vasco und Rodolfo. Aldo und Rodolfo sollten die Firma entscheidend voranbringen, der eine durch seinen unternehmerischen Mut, der andere durch seinen Sinn für Ästhetik und erstklassige Produkte. Aldo, geboren 1905, stieg 1925 in den Familienbetrieb ein. Er war ehrgeizig und tüchtig. So war er sich nicht zu schade, persönlich Pakete an Kunden auszuliefern, die in den Hotels von Florenz logierten. Guccis Handtaschen aus weichem Ziegenleder und Chamois (Gamsleder) und die Koffer im Stil der Gladstone-Taschen, die Guccio Gucci aus dem Savoy kannte, begeisterten prominente Florenz-Touristen. Aldo war mit seinem Charme besonders bei den weiblichen Kunden beliebt, zu denen auch Prinzessin Irene von Griechenland gehörte. Als ihre Zofe, Olwen Price, von Aldo Gucci schwanger wurde, zwang ihn der Vater, die Engländerin zu heiraten, um einen Skandal zu verhindern. 

Guccios zweiter Sohn Rodolfo, 1912 geboren, schlug zuerst eine Schauspielkarriere ein. Unter dem Künstlernamen Maurizio d’Ancora spielte er an der Seite von Stars wie Anna Magnani. Als die Ära des Stummfilms zur Ende ging und in der Ära des Tonfilms neue Gesichter gefragt waren, bekam der durchaus talentierte Beau keine Rollen mehr und trat in den Familienbetrieb ein. Er hatte inzwischen eine Schauspielkollegin geheiratet, die halb deutschstämmige Alessandra Winkelhausen. 

Der Mann, der Gucci zur Weltmarke machte: Aldo Gucci und seine Tochter Patricia, fotografiert am 2. Juli 1982 auf der Terrasse ihres Büros an der New Yorker 5th Avenue. Foto: Michel Delsol

1935 erlebte der Familienbetrieb seine erste schwere Prüfung. Mussolini überfiel Abessinien (das heutige Äthiopien) und verleibte das ostafrikanische Kaiserreich der neugegründeten Kolonie Italienisch-Ostafrika ein. Der Völkerbund verhängte daraufhin ein internationales Handelsembargo gegen Italien. Florentiner Manufakturen wie Gucci und Ferragamo war es nun nicht mehr erlaubt, Leder aus Erzeugerländern wie Marokko importieren. Es galt, Lieferanten in Italien zu finden. Guccio sattelte auf Leder von Kälbern aus dem Val di Chiana um. Deren Häute ließ er mit Fischfett behandeln. Dadurch wurde das Leder weich und geschmeidig. Cuoio grasso wurde zu einem Qualitätsmerkmal der Gucci-Taschen.

Aldo Gucci trieb die
Expansion voran

Es war Aldo Guccis Verdienst, dass Gucci bald weit über Florenz hinaus Präsenz zeigte. Lange vor Erscheinen des Films Dolce Vita sah er, dass Rom ein Tummelplatz der Schönen und Reichen war. 1938 eröffnete er die erste Gucci-Filiale in der Via Condotti. Sein Vater Guccio fürchtete das finanzielle Risiko einer solchen Expansion, er ließ  Aldo jedoch gewähren. Der war überzeugt, dass jede Investition gerechtfertigt war, die Gucci zu einem Anlaufpunkt für reiche Kunden machte. Gucci war eine der ersten Luxusmarken überhaupt an der Via Condotti. In der Straße am Fuß der Spanischen Treppe waren bis dahin nur Bulgari und der Hemdenschneider Enrico Cucci vertreten. Für die römische Filiale entwickelte Aldo erstmals eine Art Corporate Identity: Die gläsernen Schwingtüren wurden von geschnitzten Elfenbeingriffen in der Form übereinander gestapelter Oliven geziert – Kopien der Türgriffe des Gucci-Geschäfts Via della Vigna Nuova in Florenz. 

Diese Szene aus dem Film House of Gucci wurde vor dem Flagship Store in der Via Condotti in Rom gedreht. Hier eröffnete Aldo Gucci 1938 die erste Filiale außerhalb von Florenz. Foto: MGM

Rodolfo war der Bohemien unter den Brüdern. Er trug Jacketts aus Samtvelours in ungewöhnlichen Farben wie Waldgrün und Gold mit glänzenden Einstecktüchern aus Seide. Hatte ihn sein Vater noch für seine Film-Ambitionen belächelt, so erwies sich der Karriere-Umweg des Sohnes für die Firma als Gewinn. Der einstige Leinwandschwarm nutzte nach dem Zweiten Weltkrieg seine Kontakte, um Schauspielerinnen wie Bette Davies, Grace Kelly, Katharine Hepburn und Sophia Loren für die Marke zu interessieren. Gucci-Produkte tauchten plötzlich auch in Filmen auf. So trug Ingrid Bergman 1952 in Roberto Rossellinis Film Viaggio in Italia sehr auffällig eine Gucci-Handtasche mit einem Griff aus gebogenem Bambus am Handgelenk (zu deren Herstellung bogen Handwerker in Florenz Bambusrohre per Hand über einem Schweißbrenner). Die Tasche ähnelte eher einem stabilen kleinen Koffer als den weichen Taschen, die der Betrieb bislang hergestellt hatte. Auch andere Erzeugnisse von Gucci flimmerten über die Leinwand: Audrey Hepburn trug 1953 in Roman Holiday (deutsch: „Ein Herz und eine Krone“) ein Seidentuch und Mokassins von Gucci. Ein Fan der Florentiner Ledermarke war Grace Kelly. Als sie 1956 den Fürsten Rainier von Monaco heiratete, überreichte der Bräutigam allen weiblichen Hochzeitsgästen als Geschenk ein Gucci-Kopftuch. 

Gracia Patricia
und das
Seidentuch Flora

1966 besuchte Grace Kelly – nun in neuen Rolle als Fürstin Gracia Patricia von Monaco – die Mailänder Boutique, und Rodolfo Gucci wollte ihr ein Geschenk machen. Als sie sich für ein Seidentuch entschied, fragte Rodolfo, an welches Muster sie dachte. „Ich weiß es nicht“, antwortete sie. „Vielleicht eines mit Blumen“? Ein solches Design gab es bei Gucci nicht. Rodolfo soll ihr geantwortet haben: „Wie es der Zufall will, entwickeln wir gerade einen derartigen Schal, Fürstin. Sobald er fertig ist, bekommen Sie ihn als erste, das verspreche ich Ihnen.“ Er bat den Künstler Vittorio Accornero, ein Tuch zu entwerfen, „auf dem sich eine Explosion von Blumen ereignet“. Die technische Herstellung gab der Designer bei Fiorio in Auftrag, einem von Italiens besten Seidendruckern aus der Gegend von Como. Fiorio hatte eine Technik entwickelt, mit der er mehr als vierzig verschiedene Farben drucken konnte, ohne dass sie verwischten. Rodolfo Gucci ließ es sich nicht nehmen, das Ergebnis persönlich der Fürstin von Monaco zu überbringen. Flora wurde ein Klassiker der Marke.  

In den 1950er und 1960er Jahren wurden Produkte des Labels zu Statussymbolen junger Frauen aus wohlhabendem Elternhaus. „Man brauchte die Perlenkette, den Nerzmantel, die Gucci-Ledertasche mit Bambusgriff und den Gucci-Schal“, erinnerte sich die italienische Tennisspielerin Lea Pericoli 1995, kurz nach Maurizios Tod, in einem Interview mit der Journalistin Judy Bachrach. In den politisch turbulenten 1970ern war das Tragen von Gucci auch indirekt ein politisches Statement. Mailand war damals gespalten in Links und Rechts. Linke waren an weiten Sweatshirts zu erkennen. Wer politisch konservativ war, trug Samthosen, Cashmere-Sweater, Silber-Anhänger, Ray-Ban-Sonnenbrillen und Gucci-Tücher, die um Hermès-Taschen gebunden waren. Erkennungsmerkmale von Gucci-Produkten waren jetzt auch das Doppel-G-Monogramm und rotgrüne Streifen, die dem Gewebe von Sattelgurten entlehnt waren.

Seit den 1950er Jahren eine Gucci-Ikone: die Handtasche mit dem Bambusgriff. Ingrid Bergman trug sie 1952 in Roberto Rossellinis Film Viaggio in Italia. Foto: Gucci

Aldo Gucci wagte 1953 den nächsten großen Schritt. Er eröffnete das erste Gucci-Geschäft in New York. Mit einem Startkapital von 6000 Dollar gründete er in New York die Aktiengesellschaft Gucci Shops Inc. und sicherte sich das Recht, die Marke Gucci exklusiv in den Vereinigten Staaten zu vermarkten. Es folgten weitere Stores in Chicago und Beverly Hills. Aldo entschied sich für den Standort Rodeo Drive, als noch niemand in Italien von dieser Straße gehört hatte. Guccio Gucci sah die Expansion in die Vereinigten Staaten zuerst skeptisch. Als er die New Yorker Boutique an der 7East 58th Straße betrat, ließ er sich jedoch feiern, als wäre sie seine Idee gewesen. „Sie sind ein Mann von großem Weitblick“ –  so feierten seine Freunde ihn. Noch im selben Jahr erlag der Pater familias einem Herzinfarkt.

Aldo, Rodolfo und Vasco rückten an die Spitze von Gucci. Vasco leitete die Produktion in der Kleinstadt Scandicci bei Florenz, Rodolfo war für neue Designs zuständig und führte das Geschäft in Mailand. Aldo kümmerte sich um die internationale Expansion. Erstmals trübten private Probleme den Firmenerfolg. Guccio Gucci hatte seine einzige Tochter Grimalda von der Teilhabe am Unternehmen ausgeschlossen, weil sie eine Frau war. Sie suchte Unterstützung bei einem Anwalt, gab sich dann aber mit einer Abfindung zufrieden. Auch Aldo Gucci hatte familiäre Probleme. Er und seine Frau Olwen hatten sich auseinandergelebt. Sie wohnte in Italien, er verbrachte die meisten Zeit in New York, wo er mit einer neuen Partnerin, Patrizia Palumbo, zusammenlebte.

Aldo Gucci sagte über sich selbst: „Ich war die Lok, und die Familie war der Zug. Die Lokomotive ist ohne den Zug nutzlos, und der Zug ohne die Lokomotive – er ist wertlos.“ Zu Aldos Stärken gehörte sein Gespür für Marketing. In den 1980er Jahren hatte er die Idee für einen vergoldeten Schlüssel, der Stammkunden Zugang zu einer VIP-Lounge mit Kunstsammlung gab. Der vergoldete Gucci-Schlüssel existierte nur tausend mal und war entsprechend begehrt.

Der Gucci-Loafer
eroberte New York

Zum den Produkten, für die Gucci bekannt war, gehörte ein klassischer Loafer mit einer Metalltrense über dem Spann. Sara Gay Forden schreibt: „Als Gucci die Halbschuhe in seinem New Yorker Laden anbot, waren Stilettos der letzte Schrei. Mokassins galten als bizarr und wurden kaum gekauft. Aber schon bald interessierten sich modebewusste Damen für den bequemen Chic. Der Original Gucci-Damenmokassin lief in der Firma unter Modell 360 und wurde aus weichem, geschmeidigem Leder hergestellt. Er wurde mit der Trense verziert und trug obenauf zwei erhabene Nähte, die an der Kappe schmaler und dann breiter wurden. 1968 wurde das Original leicht verändert und erhielt den Namen Modell 350. Er hatte einen lederbezogenen Absatz mit einem Goldkettchen und eine entsprechende Kette über dem Spann. 1969 verkaufte Gucci in seinen zehn Geschäften in den Vereinigten Staaten 84 000 Paar dieser Schuhe. Als das Geschäft in Beverly Hills eröffnete, schickte Frank Sinatra seine Sekretärin, um ein Paar dieser Mokassins für ihn zu kaufen, die seiner vierzig Paar starken Gucci-Sammlung einverleibt wurden.“ Zu den prominenten Fans der Marke zählten auch Steve McQueen, Gregory Peck, Yul Brunner und Tony Curtis.

Noch zwei Gucci-Klassiker: das Seidentuch Flora und der Gucci-Loafer. Fürstin Gracia Patricia von Monaco hatte sich von Rodolfo Gucci ein Tuch mit Blumenmotiven gewünscht. Ergebnis war das Modell Flora. Die Gucci-Loafer erlebten in den 1960er Jahren ihren Durchbruch und werden auch heute produziert. Foto: Gucci

In den 1970er Jahren hatte Aldo Gucci auf drei Kontinenten und in zehn Hauptstädten Filialen eröffnet – von London über Paris bis Tokio. Dort ging die Firma ein Joint Venture mit dem japanischen Unternehmer Chiochiro Motoyama ein, der auch das erste Gucci-Geschäft in Hongkong eröffnete. 

Aldo entdeckte auch das Geschäft mit Lizenzen für Uhren. Er lernte Severin Wunderman kennen. Der in Belgien aufgewachsene Sohn eines jüdischen Handschuhmachers war Repräsentant der französischen Uhrenmarke Alexis Bartheley in den Vereinigten Staaten. 1972 erhielt er von Aldo Gucci die Lizenz für die Herstellung und den Vertrieb von Gucci-Uhren. Erster Gucci-Zeitmesser war das Modell 2000. Wunderman verkaufte sie in einer Direktmarketing-Kampagne mit American Express. Die Uhr fand den Weg ins Guinnessbuch der Rekorde, weil von ihr in zwei Jahren mehr als eine Million Stück verkauft wurden. Gucci wurde zum Vorreiter der Fashion Watches, wie wir sie heute kennen.

Das Problem
mit den
Canvas-Taschen

Der dynamische Amerika-Chef von Gucci lancierte zudem eine preisgünstige Accessoires-Kollektion mit dem Doppel-G-Monogramm. Die Taschen aus beschichtem Canvas, Shopper und Kosmetiktaschen der Gucci Accessoires Collection (GAC) sorgten für hohe Umsätze. In den 1980er Jahren wurde die Billiglinie zum Problem, weil sie das exklusive Image von Gucci beschädigte. Außerdem waren die Produkte der GAC-Kollektion leicht zu fälschen. Das Problem wurde auch Aldo Gucci bewusst: „Warum sollte eine Frau eine teure Handtasche kaufen, wenn sie deren billige Kopie drei Monate später überall sehen muss?“, bemerkte er selbstkritisch. 

Schon in den 1970er Jahren versuchte Aldo, die Familie von einem anderen Schritt zu überzeugen. Gucci-Taschen und Schuhe war weltweit begehrt. Er wollte weiter expandieren und brauchte dafür viel Kapital, wie es nur an der Börse zu finden war. Einem Börsengang widersetzte sich jedoch sein vorsichtiger Bruder Rodolfo. Aldo lag zudem im Streit mit seinem Sohn Paolo, der sich als Designer zu wenig gewürdigt fühlte und schließlich das Unternehmen verklagte. Es war jedoch ein teurer Spaß, permanent gegen die eigene Familie zu prozessieren. Paolo steckte irgendwann so in der Klemme, dass Aldo den Sohn, der ihn verklagte, finanziell unterstützte.

Kompliziert war auch das Verhältnis Rodolfos zu seinem Sohn Maurizio. Rodolfo erzog Maurizio streng. Die Wochenenden verbrachten die beiden oft auf einem Anwesen, das Rodolfo in St. Moritz gekauft hatte – umgeben von Nachbarn wie Gianni Agnelli, Herbert von Karajan und Shah Karim Aga Khan. Zum Bruch mit dem Vater kam es, als Maurizio sich in Patrizia Reggiani verliebte, die Tochter eines Spediteurs. Rodolfo war entschieden gegen das Verhältnis. Sara Gay Forden zufolge sagte er zu Maurizio: „Ich habe mich über dieses Mädchen erkundigt. Was ich gehört habe, gefällt mir überhaupt nicht. Man sagt, sie sei vulgär und ehrgeizig, eine Aufsteigerin, die nichts als Geld im Sinn hat.“ Maurizio zog wütend aus dem Elternhaus aus. Patrizias Vater bot ihm einen Job in seinem Unternehmen an, der es ihm ermöglichte, nebenher sein Jurastudium abzuschließen. 

Während Maurizios Verhältnis zu Rodolfo gestört blieb, bot Aldo ihm nach dem Examen an, nach New York zu kommen und für ihn zu arbeiten. Gemeinsam mit Patrizia zog Maurizio Gucci an den Hudson, und Aldos Einsatz für Maurizio sorgte dafür, dass sich auch Rodolfo und Maurizio wieder annäherten. Rodolfo fühlte sich wohl schnell in seinem Urteil über Patrizia Reggiani bestätigt, als diese ihn unter Druck setzte, für das Paar ein teures Luxusapartment im Olympic Tower zu kaufen, dem Wolkenkratzer, den Aristoteles Onassis hatte bauen lassen. Rodolfo gab nach – achtete jedoch darauf, dass die Wohnung in seinem Besitz blieb.

Maurizio und Patrizia heirateten 1973. Sie bekamen zwei Kinder, Alessandra und Allegra. Zu Ehren von Allegras Geburt 1977 kaufte Maurizio die 64 Meter lange Dreimast-Yacht Créole. Der griechische Reeder Stavros Niarchos hatte sie einst gekauft, um seinem Rivalen Aristoteles Onassis Paroli zu bieten. Für viele Segler war der Schoner eine der schönsten Yachten der Welt. Jetzt befand sie sich in schlechtem Zustand, und Maurizio Gucci steckte viel Geld in ihre Restaurierung. Die Ausstattung einer Kabine soll über 900 000 US-Dollar verschlungen haben. Auf dem Schiff lag ein düsterer Schatten: Zwei Frauen hatten sich hier das Leben genommen: Stavros Niarchos’ erste Frau Eugenia, und seine zweite Frau, Tina, Eugenias jüngere Schwester. Patrizia ließ daher eine Spiritistin anrücken, um die bösen Geister von der Yacht zu vertreiben.

Der Thronfolger
kehrt zurück

1982 kehrten Maurizio und seine Familie nach Italien zurück. Das italienische Wirtschaftsmagazin Capital feierte ihn als den Thronfolger der Modedynastie. Ende April 1993 feierte Mailand die Eröffnung der neuen Gucci-Boutique an der Via Monte Napoleone. Wenige Tage später starb Rodolfo an Krebs. Er hinterließ Maurizio das Anwesen in St. Moritz, die luxuriösen Apartments in Mailand und New York, 20 Millionen Dollar auf Schweizer Bankonten und 50 Prozent Anteile des Gucci-Imperiums. Maurizio war nun ein reicher Mann. Er konnte endlich selbst Entscheidungen treffen. Doch nun war es nicht mehr sein Vater, sondern Patrizia, von der er sich bevormundet fühlte. Eines Tages 1985 verabschiedete er sich von ihr, angeblich um eine Dienstreise nach Florenz anzutreten. Der Arzt der Familie überbrachte Patrizia die Nachricht, dass ihr Mann nicht zur ihr zurückkommen werde. 

Anfang der 1980er Jahre erlebte Italiens Mode eine Revolution. Mailand hatte Rom und Florenz als Zentrum der italienischen Modewelt abgelöst. Neue Marken beherrschten die Szene. Sie hießen Missoni, Armani, Krizia,Versace und Ferré und Prada.

Maurizio Gucci war überzeugt: Um ein Image aufzubauen, musste auch Gucci, das nach wie vor hauptsächlich für seine Lederwaren bekannt war, eine Prêt-à-Porter-Kollektion auflegen und dafür einen talentierten Designer einstellen. Er dachte daran, Giorgio Armani zu verpflichten, verwarf die Idee jedoch, da Armani wohl kaum die eigene Marke aufgeben würde. Um seine Ideen verwirklichen zu können, musste Maurizio die Stimmenmehrheit im Unternehmen erlangen. Das wollte er über eine Intrige erreichen. Er gelang ihm, Paolo, Aldos unzufriedenen Sohn, auf seine Seite zu ziehen. Bei einem Treffen am Genfer See vereinbarten sie im Juni 1984, dass Paolo Maurizio 3,3 Prozent seiner Stimmrechte im Vorstand abtreten würde. Maurizio würde Paolos Anteile zu einem späteren Zeitpunkt für 20 Millionen Euro kaufen. Die Gelegenheit war günstig, weil Aldo Gucci geschwächt war. Er hatte Probleme mit Amerikas Steuerbehörden. 1986 verurteilte ein New Yorker Gericht den 81-jährigen Aldo Gucci wegen Steuerhinterziehung zu einer Gefängnisstrafe. Der Amerika-Chef von Gucci hatte zugegeben, elf Millionen Dollar aus dem Unternehmen gezogen zu haben, diese Gelder an sich und seine Familie verteilt zu haben und dabei Steuern in Millionenhöhe unterschlagen zu haben. Die Nachricht hinterließ auch prominente Fans des Labels wie Jackie Kennedy sprachlos. Sie schickte Aldo ein berühmtes Ein-Wort-Telegramm: „Warum?“

Aldo und seine Kinder wollten derweil Maurizios Machtansprüche nicht auf sich sitzen lassen. Sie hatten einen Hebel, mit dem sie Maurizio stürzen wollten. Als Maurizio Aldo und dessen Kindern die Anteilsscheine vorgelegt hatte, waren sie überrascht, dass Rodolfo dem Sohn seine Anteile noch kurz vor seinem Tod übertragen hatte – wodurch er ihm 8,5 Millionen Dollar an Erbschaftssteuer ersparte. Rodolfo hatte Aldo stets dafür kritisiert, dass er seine Söhne zu früh an dem Unternehmen beteiligt habe, was – siehe Paolo – immer wieder zu Konflikten führe. Er selbst hatte geschworen, dass Maurizio alles erbe, wenn er, Rodolfo sterbe, aber „keine Minute früher“. Hatte der an Krebs erkrankte Rodolfo seine Meinung kurz vor seinem Tod geändert und dem Sohn die Hälfte der Firma vorzeitig überschrieben, oder hatte Maurizio Gucci das Testament seines Vaters nachträglich vordatiert und dessen Unterschrift gefälscht? 

Fälschte Maurizio
die Unterschrift
seines Vaters?

Das warfen ihm der Onkel und die Cousins vor, und sie hatten Zeugenaussagen beisammen, die bestätigten, dass Maurizio Mitarbeiter gebeten hatte, die Unterschrift seines Vaters auf Papier nachzuzeichnen. Aldo ließ den Behörden 1985 ein detailliertes Dossier zukommen, dass belegen sollte, Maurizio habe Urkundenfälschung begangen und sei somit illegal in den Besitz seiner 50 Prozent Anteile am Familienunternehmen gekommen. Die Staatsanwaltschaft bezichtigte den jungen Erben außerdem des illegalen Kapitalexports beim Kauf der Créole. Damals galt es in Italien grundsätzlich als illegal, größere Geldsummen nach Übersee zu transferieren. 

Maurizio geriet ins Visier der gefürchteten Finanzpolizei, der Guardia di Finanza. Als bewaffnete Einheiten im Juni 1987 sein Büro stürmten, wurde er gewarnt und floh in einer halsbrecherischen Fahrt mit seiner roten Kawasaki GPZ in die Schweiz. Dort war er vor der italienischen Justiz sicher. Derweil konfiszierte ein Mailänder Gericht seine 50 Prozent Anteile an Gucci und setzte eine Universitätsprofessorin, Maria Martinelli, an seiner Stelle als Vorsitzendes des Unternehmens ein. Ein Jahr lang pendelte Maurizio Gucci zwischen St. Moritz und Lugano, wo er im Hotel Splendide Royal am Seeufer residierte. Dort empfing er auch seine Mailänder Manager. Vom Tessin aus knüpfte der entmachtete Erbe Kontakte zu Investcorp, einer international aktiven Investmentfirma mit Hauptsitz in Bahrain. Der Gründer von Investcorp, Nemir Kirdar, war Sohn einer einflussreichen turkmenischen Familie im irakischen Kirkuk, er besaß aber auch einen britischen Pass und lebte in London. Kirdar war fasziniert von der Marke Gucci, und er hegte Sympathie für Maurizio und dessen unternehmerische Vision. 1989 gelang es Investcorp, Aldo Gucci und dessen Söhne in einer dramatischen Verhandlung zum Verkauf ihrer Anteile zu bewegen. Gucci war jetzt im Besitz von Investcorp und Maurizio Gucci. Auch die Verfahren wegen Urkundenfälschung und illegalem Kapitalexport endeten glücklich für Maurizio. 1988 wurde er wegen der gefälschten Unterschrift unter dem Testament seines Vaters zu eine Bewährungsstrafe ohne Eintrag ins Strafregister verurteilt, 1989 sprach ihn das Berufungsgericht trotz belastender Beweise von allen Vorwürfen frei.

Für Maurizio lief es gut. Er warb Dawn Mello, die Präsidentin des New Yorker Kaufhauses Bergdorf Goodman, ab. Sie baute ein Designteam auf, dem ein junger Amerikaner namens Tom Ford angehörte. Maurizio vertraute nun wohl allzu sehr auf Guccis vielversprechende Zukunft und gab das Geld mit vollen Händen aus. In Mailand ließ er für astronomische Summen einen luxuriösen, neuen Firmensitz erbauen. Nahe Florenz erwarb er die Villa Bellosguardo, die dem Opernsänger Enrico Caruso gehört hatte. Er plante, dort ein repräsentatives Ausbildungszentrum für Gucci-Mitarbeiter einzurichten. 100 Millionen wollte er in die Modernisierung der weltweiten Boutiquen investieren. Und er sparte auch nicht bei banalen Dingen wie Reisekosten. Selbst für die 300 Kilometer zwischen Mailand und Florenz mietete er Privatjets.

Während die Ausgaben explodierten, war er entschlossen, Guccis Exklusivität wieder herzustellen. Dafür stoppte er  über Nacht die Produktion der preisgünstigen Gucci Accessoires Collection (GAC). Zu der gehörten die beliebten beschichteten Canvas-Taschen mit dem Doppel-G-Monogramm. Sie waren wichtige Umsatzbringer. Unvorsichtigerweise hatte er sie gestrichen, ohne neue Produkte rechtzeitig auf den Weg zu bringen.

Das führte dazu, dass die Umsätze dramatisch einbrachen. Gucci schrieb so tiefrote Zahlen, dass Mitarbeiter und Lieferanten nicht mehr bezahlt werden konnten. In den Geschäften standen Kunden offenbar vor leeren Auslagen und dachten, dass Gucci schließt. Auch potentielle Investoren waren von den Zahlen abgeschreckt. Überdies belastete der erste Golfkrieg das Geschäft mit Luxusgütern.

Investcorp geriet Anfang der 1990er Jahre massiv unter Druck, zu handeln. Nemir Kirdar und seine Experten glaubten weiter daran, dass Maurizio Gucci ein Charismatiker und Visionär war, der die richtigen Ideen für das legendäre Modehaus hatte, aber sie wollten ihm einen erfahrenen Zahlenmenschen an die Seite stellen. Doch weder sein juristischer Berater Domenico de Sole noch Investcorp-Chef Nemir Kirdar konnten Maurizio dazu bewegen, einen CEO an seiner Seite zu akzeptieren. 

Mit Paola Franchi
wirkte Maurizio
glücklich

Erst Maurizios private Notlage führte eine Entscheidung herbei. Er gab zu, private Schulden von 40 Millionen Euro angehäuft zu haben. Als mehrere Banken drohten, sein Vermögen zu konfiszieren, darunter die Häuser in der Schweiz, stand er mit dem Rücken zur Wand. Investcorp versprach, ihm zu helfen, wenn er seine verbliebenen Gucci-Anteile an sie veräußerte. Am 23. September 1993 machten er und Investcorp den Deal im Büro einer Schweizer Bank in Lugano perfekt. 170 Millionen Dollar soll die Investmentfirma dem Gucci-Chef ausgezahlt haben – genug, um seine Schulden zu begleichen, genug auch, um sorgenfrei ein neues Leben zu beginnen. Am nächsten Tag räumte Maurizio Gucci, der letzte Gucci-Chef aus der Gründerfamilie, sein Büro. 

Maurizio Gucci litt schwer darunter, aus der Firma, die den Namen seiner Familie trug, herausgedrängt worden zu sein. Aber er war nun auch frei, zu tun, was ihm gefiel. Er mietete sich ein Büro in der Via Palestro 20 und schmiedete neue Pläne. Offenbar erwog er Investitionen in der Tourismusbranche. So wollte er in Palma de Mallorca, dem Standort der Créole, einen Hafen für historische Yachten finanzieren. Auch der Aufbau einer Boutique-Hotelkette schwebte ihm vor. Mit seiner neuen Lebensgefährtin, Paola Franchi bezog er eine luxuriöse Wohnung: ein dreistöckiges Apartment am prächtigen Corso Venezia 38. Die Einrichtung überließ er Paola, einer gelernten Interior-Designerin. Die Wohnung lag um die Ecke von seinem Büro.

Camille Cottin in House of Gucci in der Rolle von Paola Franchi, Maurizio Guccis letzter Lebensgefährtin. Foto: MGM

Patrizia, die mit den Töchtern Allegra und Alessandra komfortabel an Mailands Galleria Passarella wohnte, soll er monatlich mit stattlichen Summen von bis zu 100 000 Euro bedacht haben. Er verbot ihr jedoch den Zugang zu den Häusern in St. Moritz. Patrizia soll außer sich gewesen sein über Maurizios neues Glück. Sie fürchtete, dass ihr Ex-Mann mit Paola Franchi ein Kind bekommen und ihr Erbe sowie das ihrer gemeinsamen Kinder in Gefahr bringen könnte. Ihrer Haushälterin soll sie anvertraut haben, dass sie Maurizio tot sehen wolle, und wenn es das letzte sei, was sie tue. Eine ähnliche Drohung äußerte sie gegenüber dem Anwalt ihres Ex-Manns. Der empfahl seinem Mandanten, sich einen Bodyguard zu nehmen. Doch Maurizio Gucci schien sich, wieder einmal, allzu sicher zu fühlen. Als er am 27. März 1995 zu Fuß vom Corso Venezia in sein Büro ging, ahnte er nicht, dass sein Tod besiegelt war. Der Mörder erwartete ihn schon.

Wenige Stunden nach seinem Tod tauchte Patrizia Reggiani in Maurizios Apartment am Corso Venezia 38 auf und ließ der am Boden zerstörten Paola ausrichten, sie habe die Wohnung zu räumen. Trauer über den gewaltsamen Tod ihres Ex-Manns soll ihr nicht anzumerken gewesen sein.

Zwei Jahre tappten
die Ermittler
im Dunkeln

Zwei Jahre ermittelten der Mailänder Untersuchungsrichter Carlo Nocerino und der Chef der Kriminalpolizei, Filippo Ninni, in dem Mordfall, ohne auf eine Spur zu stoßen. Dann erhielt Ninni telefonisch einen Hinweis, der zur Ergreifung eines Mittäters führte. Einer der Organisatoren des Mordkompletts hatte gegenüber einem Bekannten mit der Tat geprahlt und gesagt, Patrizia Reggiani habe ihn und den Killer angeheuert. Patrizia Reggiani wurde verhaftet. Die Frau, die früher wegen ihrer kleinen Körpergröße von 1,50 Metern als Venus im Taschenformat bespöttelt wurde, bekam nun einen neuen Beinmanen. Italiens Presse erklärte sie zur Schwarzen Witwe. 1997 wurde Reggiani am Ende aufgrund erdrückender Indizien als Auftraggeberin des Mordes an ihrem Ex-Mann zu 29 Jahren Haft verurteilt. Verurteilt wurde auch Pina Auriemma, Patrizias Wahrsagerin und enge Freundin. Sie hatte zwischen Reggiani und dem Killer vermittelt und geholfen, den Fahrer des Fluchtwagens zu finden.

Aufgrund guter Führung kam Patrizia Reggiani im Oktober 2016 nach achtzehn Jahren frei. Der Schütze Benedetto Ceraulo erhielt lebenslänglich. Er ist nach wie vor auf der Gefängnisinsel Gorgona im Thyrrenischen Meer in Haft.

Mit Tom Ford
kam der
Erfolg zurück

Seit dem Ausscheiden Maurizio Guccis aus dem Unternehmen und noch vor seinem Tod hatte Investcorp begonnen, das Modehaus zu sanieren und wieder auf die Erfolgsspur zu bringen. Man gab dem jungen Amerikaner Tom Ford, dem Mann, den Dawn Mello und Maurizio engagiert hatten, eine Chance. Seine erste Solo-Kollektion setzte neue Akzente. Feminine Rundschnittröcke und winzige Mohair-Pullis – eine Anspielung auf Audrey Hepburns Look im Film Roman Holiday – signalisierten frischen Wind bei Gucci. Die Bestellungen aus aller Welt sprengten die Erwartungen.

Trotz dieser positiven Signale wollte Investcorp für die Marke einen neuen Käufer finden. Seit 1987 hatte die Firma vom Golf einige hundert Millionen Dollar in Gucci gesteckt und an seine Investoren noch keinen Gewinn ausschütten können. Jetzt suchte Kirdar nach Käufern für die Marke. Interessenten gab es, aber auch der Luxuskonzern LVMH wollte die geforderte Summe von 500 Millionen Dollar nicht zahlen. Währenddessen präsentierte Tom Ford Jahr für Jahr neue, inspirierte Kollektionen, die mit dem klassischen Gucci-Image brachen. Fords Herbstkollektion 1995 riss Kritiker und Einkäufer zu stehenden Ovationen hin: Das Model Amber Valletta schritt mit hellgrüner Satinbluse, hüftkurzen, hautengen blauen Samtjeans und einem hellgrünen Mohairmantel über den Laufsteg. Dazu trug sie preiselbeerrote Lacklederpumps mit hohen Absätzen. „Die Mädchen sahen alle aus, als wären sie gerade aus einem Privatjet ausgestiegen. Man begriff sofort, dass man in diesen Sachen aussehen würde, als würde man ein aufregendes Leben führen – als würde man alles machen und alles haben können“, zitiert Sara Gay Forden Joan Kerner, damals Geschäftsführerin von Neiman Marcus. Fords Kreationen gaben Gucci einen glamourösen Sex-Appeal. Ob Madonna, Gwyneth Paltrow oder Kate Winslet, die Stars trugen Gucci. Der Erfolg spiegelte sich in der Bewertung des Unternehmens an der Börse: 1999 war Gucci drei Milliarden Dollar wer. Tom Ford und CEO Domenico De Sole, der Top-Jurist, der Maurizio Gucci durch Höhen und Tiefen begleitet hatte, waren das neue Dreamteam der Modewelt.

François Pinaults
freundliche
Übernahme

Gucci weckte jetzt nicht nur bei begeisterten Fashionistas Kaufinteresse. Miuccia Pradas Ehemann und Geschäftspartner Patrizio Bertelli liebäugelte ebenso mit einem Kauf von Gucci wie Bernard Arnaults Luxuskonzern LVMH. Arnault stockte heimlich seine Anteile an Gucci auf und forderte unverhohlen einen Platz im Gucci-Vorstand. Das hätte dem Eigentümer von Louis Vuitton Einblick in die Zahlen und Strategien eines Konkurrenten gegeben. In letzter Minute fanden Tom Ford und De Sole in François Pinault einen Investor, der kein Wettbewerber war. Pinault überzeugte De Sole und Ford zudem mit der Aussicht, Gucci zum Dach einer neuen Luxussparte zu machen, die auch Yves Saint-Laurent umfassen würde. 1999 erwarb Pinaults Holding PPR (heute Kering) 40 Prozent an Gucci, 2001 erhöhte der Franzose seinen Anteil auf über 53 Prozent. Bernard Arnault war aus dem Rennen. Tom Ford blieb bis 2004 bei Gucci, dann gründete er sein eigenes Modelabel. Die  Übernahmeschlacht um Gucci hatte auch auf politischer Ebene Folgen. Sie war der entscheidende Anlass dafür, dass sich die Europäische Union Regeln gab, um feindliche Übernahmen börsennotierter Unternehmen zu verhindern.

Guccis aktueller Kreativdirektor, der Italiener Alessandro Michele.

Heute prägt Alessandro Michele, seit 2015 Kreativdirektor von Gucci, das Image des Luxuslabels. Der Römer kannte Gucci noch aus der Zeit, als er in Tom Fords Kreativteam tätig war. Michele hat ein ungewöhnliches Gespür für neue, aufregende Kombinationen von Stoffen, Farben und phantasievollen Mustern aus Tier- und Pflanzenwelt, die er mit der klassischen italienischen Gabe für elegante Schnitte vereint. Spielerisch ignoriert er Geschlechtergrenzen, was dazu führt, dass er Männer- und Damenmode zusammen in einer Show vorstellt und Männer auch schon mal mit Handtasche auf den Laufsteg schickt. Michele entfachte weltweit einen neuen Gucci-Hype. Die Marke ist heute 33 Milliarden Euro wert und gehört zu den vier wertvollsten Luxusmarken der Welt. 

Alessandro Michele
setzte den
Höhenflug fort

2021 feiert Gucci seinen 100. Geburtstag. Während andere Firmen bei solchen Jubiläen Sternstunden ihrer Geschichte rekapitulieren, gedenkt Gucci seiner Vergangenheit nur in sehr sublimierter, indirekter Form. Alessandro Micheles Jubiläums-Kollektion Aria enthält Reminiszenen an die Geschichte der Marke, so etwa den Schriftzug Savoy Club als Hommage an das Savoy Hotel in London, in dem Guccio Gucci in seiner Jugend als Liftboy arbeitete. Er lässt auch die beschichteten Canvas-Taschen, die das GG-Doppelmonogramm in die Welt hinaustrugen und Designs von Tom Ford wieder aufleben. Gucci ist unter Michele ein Teil der Popkultur geworden und wird in HipHop und Rapmusik besungen.

Alessandro Micheles Aria-Kollektion zelebrierte Gucci-Insignien wie die Bambusgriff-Handtasche und das Doppel-G-Monogramm. Foto: Gucci
Ein Credo Alessandro Micheles lautet, dass man Gucci immer die Hochwertigkeit italienischen Handwerks ansehen muss. Foto: Gucci

Am 3. November stellte der Kreativdirektor auf dem Walk of Fame in Los Angeles seine neue Kollektion Love Parade vor – eine Hommage an den Einfluss der Filmwelt auf die Mode. In aufregenden Patchworks aus Farben, Mustern und Stilen kombiniert der Couturier Cowboyhütte mit Leggins, Federboas mit Seidenkleidern, Strapse mit Hotpants. Die Stars lieben es: In der ersten Reihe saß Gwyneth Paltrow in einem Gucci-Samtanzug, wie sie ihn 1996 schon einmal getragen hatte. Auf dem Laufsteg flanierten Maculay Culkin (Kevin allein zu Haus), die Künstlerin Miranda July und der Schauspieler und Gucci-Aficionado Jared Leto.

Der wirkt auch in Ridley Scotts Film mit, in der Rolle von Maurizio Guccis tragischem Cousin Paolo. Und selbst Salma Hayek, die Frau des Gucci-Mehrheitsgesellschafters Kering, wirkt in House of Gucci mit. Sie verkörpert Pina Auriemma, die Wahrsagerin und Busenfreundin Patrizia Reggianis, die eine der Drahtzieherinnen des Mordkompletts war. Immerhin beweist der Luxuskonzern mit dieser Besetzung Sinn für Ironie. Er setzt damit eine gute Tradition des Hauses fort. In der Woche, als Patrizia Reggiani 1997 verurteilt wurde, bewies Gucci schon einmal seinen Sinn für Humor: Damals lagen in den Schaufenstern von Gucci-Geschäften in der ganzen Welt Handschellen aus Sterling-Silber aus.

© Holger Christmann