Lifestyle

„Italien ist eine
Schule des Stils“

Schon Sophia Loren und Gianni Agnelli Schon Jackie Kennedy und Gianni Agnelli liebten das Hotel Il Pellicano. Charlie Chaplin gehörte zu den ersten Investoren. Auch heute verbringen Berühmte und Mächtige in dem Boutique-Resort in der Toskana ihren Urlaub. In der Pandemie entdeckte die Hotelchefin Marie-Louise Sciò das Thema E-Commerce. Sie gründete die Website Issimo und startete dort eine zweite Karriere als Stilikone.

VON HOLGER CHRISTMANN
5. August 2021
Marie-Louise Sciò in einem Kleid von La Double J am Strand des Il Pellicano. Foto: Cerruti/Draime

Marie-Louise Sciò wuchs an einer der schönsten Küsten Italiens auf. Auf einer Anhöhe der Halbinsel Monte Argentario, am südlichsten Zipfel der Toskana gelegen, versteckt sich zwischen Zypressen, Steineichen und immergrüner Macchia das Hotel Il Pellicano. Hier verbrachte Sciò als Kind fast jeden Sommer. Ihr Vater, Roberto Sciò, kaufte das Resort 1979 von der Vorbesitzerin Patricia Graham und führte es über Jahrzehnte. Für die Tochter hatte das Hotel ihrer Familie etwas Magisches. Manchmal verbarg sie sich an heißen Sommerabenden hinter den Büschen, beobachtete das Treiben auf den abendlichen Partys und bewunderte gut aussehende „Männer in Seersucker-Anzügen und Frauen in schicken Abendkleidern, die Champagner tranken und das Leben genossen. Die Welt der Erwachsenen war für mich wie verzaubert“, sagt sie im Gespräch mit uns. „Alle waren schön und elegant. Es herrschte eine heitere und lebendige Atmosphäre. Zu unseren Füßen glitzerte das Tyrrhenische Meer.“ Nicht immer wusste Marie-Louise, wer die glamourösen Gäste waren, zu denen amerikanische und italienische Filmstars gehörten, Wirtschaftsbosse, italienischer und europäischer Adel. Sie fühlte sich wohl in dieser Welt. „Diese Kindheit prägte meinen Sinn für Ästhetik“, schwärmt sie rückblickend. Dass sie eines Tages der Impresario dieser Welt sein würde, ahnte sie nicht. Heute ist sie es, die als Vizepräsidentin und Kreativdirektorin der Pellicano Hotels Group den Stil des Boutique-Hotels prägt.

Marie-Louise Sciò in Jeans und Seidenbluse von Alex Eagle. Foto: Cerruti/Draime

Das Il Pellicano liegt nicht in einem der offensichtlichen Jetset-Reviere. Hier gibt es kein Promi-Schaulaufen und keinen Massentourismus wie in Saint-Tropez. Oder Hunderte Superyachten, die vor der Küste kreuzen wie an der Costa Smeralda. Der Monte Argentario ist die diskrete Version dieses Jetset-Mekkas. Die vor allem italienische Prominenz – zu denen bis zuletzt auch die jüngst verstorbene Schlagerikone Raffaela Carrà gehörte – wohnt in gut abgeschirmten Villen und lässt sich selten blicken. Gegenüber auf dem Festland liegt Capalbio, das gern spöttisch als das Mekka des Radical Chic bezeichnet wird, des linken Bürgertums, zu dem Politiker, Verleger, erfolgreiche Journalisten und Intellektuelle gezählt werden. Tagsüber sieht man die Prominenz aus Rom an der Ultima Spiaggia, dem letzten Strand der Toskana an der Grenze zu Latium. Zu den schönsten Stränden der Toskana gehört La Feniglia, ein sichelförmiger sieben Kilometer langer Streifen Sand auf der südlichen Landzunge, die zum Monte Argentario führt.

Historiker glauben, dass der Monte Argentario seinen Namen der römischen Familie der Domitii Ahenobarbi verdankt, der auch Kaiser Nero entstammte. Die Ahenobarbi waren Bankiers (Argentarii) und ließen sich das Gebiet als Sicherheit für ein Darlehen an die römische Republik im Zweiten Punischen Krieg überschreiben. Als der Großherzog der Toskana, Cosimo I, 1557 fast die gesamte Toskana unterworfen hatte, blieb deren südlichster Küstenabschnitt im Besitz des spanischen Königs. Davon erzählen bis heute die spanischen Festungen von Porto Ercole und Porto Santo Stefano. Erst im Wiener Kongress 1815 wurde der Monte Argentario Teil des Großherzogtums Toskana. Als  Sommerfrische entdeckte zuerst der sogenannte schwarze Adel das Gebiet, papsttreue Familien wie die Corsini, Borghese, Odescalchi, Colonna, Borgia und Orsini, die hier Grundstücke besaßen. Als nach dem Zweiten Weltkrieg die touristische Erschließung begann, kamen auch die niederländische Königin Juliana und ihr Prinzgemahl Bernhard, die Eltern von Prinzessin Beatrix. An der Küste von Porto Ercole machten sie Urlaub in der Villa Der glückliche Elefant, benannt nach der Keramik eines Rüsseltiers, die den Giebel ihres Ferienhauses bis zu dessen Abriss vor ein paar Jahren schmückte. Angeblich war die Villa ein Geschenk Alessandro „Tinti“ Borgheses. „Tinti“ Borghese war der Vater von Alessandra Borghese, die durch Bücher über ihre Gläubigkeit auch in Deutschland bekannt wurde.

Die Gründer des Il Pellicano, Patricia und Michael Graham, 1964 fotografiert von John Swope. Foto: John Swope/Hotel Il Pellicano

Alessandro Borghese freundete sich mit einem jungen Paar aus den Vereinigten Staaten an – Michael und Patricia Graham. Die Geschichte der Grahams gehört zum Mythos des Il Pellicano. Michael Graham, ein ehemaliger Pilot der britischen Royal Air Force, so heißt es, soll mehrere Flugzeugabstürze überlebt haben. Bei einem dieser Unglücke sei Graham im afrikanischen Busch aus einem abwärts trudelnden Flugzeug gesprungen und habe als Einziger überlebt. Ich suchte vergebens nach Belegen für dieses Ereignis. Und stieß dabei auf die wahre Heldengeschichte Michael Grahams. Über sie berichtete die New York Times im Juni 1947. Graham war im Auftrag des indischen Maharadschas von Idar auf dem Weg in die Vereinigten Staaten, um für ihn dort ein neues Flugzeug abzuholen. Am 18. Juni nahm Graham den Pan-Am-Flug 121 von Karachi nach Istanbul. Was nun geschah, ist aktenkundig: Ein Triebwerk der Lookheed L-049 Constellation ging in Flammen auf und brach von der Tragfläche ab. Mitten in der Nacht versuchten die Piloten im Osten Syriens notzulanden. Beim Aufsetzen in der Wüste streifte das intakte linke Triebwerk den Boden. Das Flugzeug drehte sich um die eigene Achse, der Rumpf zerbrach. Die Maschine ging in Flammen auf. Graham und 21 weitere Passagiere retteten sich aus dem brennenden Wrack. Am 22. Juni 1947 kamen er und drei andere Überlebende des Unglücks am New Yorker Flughafen La Guardia an, wo sie von der Presse erwartet wurden. Die New York Times veröffentlichte ein Foto der Geretteten mit Grahams Schilderung der Havarie. Das Bild des gutaussehenden 25-Jährigen, der an der Gangway in die Kamera lächelt, faszinierte am anderen Ende der Vereinigten Staaten, in Kalifornien, Patsy Daszel. Die junge Frau aus vermögendem Elternhaus, der eine Affäre mit Clark Cable nachgesagt wurde, klebte das Zeitungsfoto des Helden in ihr Tagebuch ein.

Farbige Sonnenschirme am Strand des Il Pellicano, fotografiert von Slim Aarons. Foto: Slim Aarons/Hulton Archive/Getty Images

Ein paar Jahre später trafen sich die beiden auf einer Party am Pelican Point bei Los Angeles. Sie verliebten sich und gingen gemeinsam ihrer großen Leidenschaft nach, dem Reisen. In Italien lernten sie den Fürsten Borghese kennen, der ihnen 1962 ein Grundstück am Meer anbot. Sie schlugen ein und beschlossen, dort eine Ferienanlage zu bauen. Sie benannten es nach dem Ort, an dem sie sich ineinander verliebt hatten. Aus Pelican Point wurde Il Pellicano.

Für die Finanzierung hatten sie eine ungewöhnliche Idee. Sie überredeten einige ihrer reichen Freunde in Übersee dazu, in eigene Cottages auf dem Grundstück zu investieren. Dafür sollten die Geldgeber dort unbegrenzt Urlaub machen können. Der Plan ging auf. Am 2. Juni 1965 eröffnete das Hotel Il Pellicano. Der amerikanische Fotograf John Swope, einer der bekanntesten Hollywood-Porträtisten seiner Zeit und ein Freund der Grahams, dokumentierte das Ereignis mit der Kamera. Er sollte nicht der letzte berühmte Lichtbildner sein, der im Il Pellicano ein- und aus ging und mit seinen Aufnahmen den Ruhm des Hauses mehrte.

Kurz darauf entdeckte der Vater von Marie-Louise Sciò das Hotel. Freunde hatten mit einer Yacht den Atlantik überquert und luden ihn ein, in Porto Ercole auf ihrem Boot zu übernachten. Roberto Sciò war fester Boden unter den Füßen lieber. Die Freunde aus Kanada empfahlen ihm die neu eröffnete Nobelherberge. Als der Immobilienmakler dort eintraf, lief ihm als erstes Charlie Chaplin über den Weg, der ein Cottage im Il Pellicano besaß und dort gerade Urlaub machte. Sciò war perplex. Als der Weltstar ihn dann am Abend auch noch bat, mit seiner Tochter Geraldine zu tanzen, war es um Roberto Sciò geschehen. Er hatte sich in diesen Ort verliebt und kam immer wieder hierher zurück.

Swimmingpool des Il Pelicano. Foto: Slim Aarons/Hulton Archive

Achtzehn Zimmer gab es damals im Il Pellicano für Gäste, neun für deren Fahrer, was schon viel über den sozialen Status der Gäste aussagt. Eines der drei großen Cottages besaß der Öl-Tycoon George E. Coleman, eins der Immobilienhändler John Mills, das angeblich schönste gehörte Chaplin. Nach und nach erlagen andere Promis dem Zauber des Il Pellicano: Jacqueline Onassis, die schwedische Schauspielerin Britt Ekland, Modezar Emilio Pucci, Fiat-Ikone Gianni Agnelli und die Hollywoodstars Henry Fonda, Kirk Douglas und Robert Mitchum suchten die Ruhe und Privatheit dieser abgeschiedenen Oase, wo ihnen keine Paparazzi auflauerten. 1974, als Charlie Chaplin erkrankt war und immer seltener seine Villa in Vevey am Genfer See verließ, kaufte ihm Roberto Sciò sein Cottage ab. 1979 übernahm Sciò auch die Anteile der Grahams, „auf dass kein anderer Investor dieses Kleinod ruiniert“, so der neue Besitzer. Er fand Gefallen an der Hotellerie, erwarb 1990 auch La Posta Vecchia, die einstige Villa des Öl-Tycoons John Paul Getty in Ladispoli, und verwandelte sie in ein Hotel.

Marie-Louise Sciò ging damals noch zur Schule. Sie besuchte ein Internat in der Schweiz und studierte in den Vereinigten Staaten an der Rhode Island School of Design. Anschließend schnupperte sie in die Welt der Architektur und des Interior Designs hinein. In New York arbeitete sie im Büro des (2018 gestorbenen) Architekten Costas Kondylis, der so manches Hochhaus für Donald Trump entwarf, in Rom beim Interior Designer Massimo Zompa, zu dessen Kunden Karl Lagerfeld und Fendi gehörten. Sie wollte entweder Interior Designerin oder Architektin werden. „Irgendwann fragte mich mein Vater, ob ich nicht ein paar Badezimmer renovieren könne. Im nächsten Jahr waren ein paar andere Dinge zu tun“, erinnert sie sich. „Ich versuchte, das Hotel etwas zu verjüngen, einen Dialog zwischen Vergangenheit und Zukunft herzustellen und gleichzeitig die Seele des Ortes zu bewahren“, erklärt sie. „Alle unsere Hotels, vom Il Pellicano angefangen, sind für Leute, die nicht den offensichtlichen Luxus mögen. Wir stehen für Luxus, der flüstert, nicht schreit“, erläutert sie.

Die Fotos von Slim Aarons
erschufen den
Mythos des Il Pellicano

Langsam wuchs sie in die Rolle der Kreativchefin hinein. Sie besann sich auf das, was sie im Studium gelernt hatte. „Die Zeit in Amerika war sehr wichtig für mich. Ich habe dort vor allem kritisches Denken gelernt, die Fähigkeit, Gewohntes infrage zu stellen. Wenn jemand sagte, das haben wir immer so gemacht, habe ich gedacht: Wo steht geschrieben, dass man es immer so machen muss: dass man siebzig Stunden fertig gemixte Musik einkauft? Oder sechs Meter Bücher, um die Regale zu füllen?“ Die Playlist des Hotels wählte sie selbst aus. Die Liste ihrer Lieblingsmusiker reicht von italienischen Songwritern wie Lucio Dalla und Lucio Battisti über Tom Cage und Philip Glass bis Pink Floyd und Radiohead. Die Bibliothek kuratiert sie zusammen mit einem Freund, dem Schriftsteller Leonardo Colombati. Daneben verlegt sie selbst Bücher und brach auch hier „aus gängigen Schablonen aus“. „Für ein Kochbuch über die Kreationen unseres damaligen Küchenchefs Antonio Guida beauftragte ich bewusst keinen Food-Fotografen, sondern den Modefotografen Juergen Teller.“ Sie hatte ihn über ihre Freundin Margherita Missoni kennengelernt. Eating at Hotel Il Pellicano hieß das Buch, das 2013 herauskam. Teller fotografierte die Gerichte ohne jede Inszenierung oder Beleuchtung so, wie die Kellner sie aus der Küche trugen. Marie-Louise erläutert: „An Juergen Tellers Stil mag ich, dass seine Bilder echt sind, so wie die Dinge echt sind, die er fotografiert“.

Der Jetset, wie er in Porto Ercole verkehrte: Ines Torlonia, Signorina Gancia (liegend), Marina Lante della Rovere und der englische Fotograf Lord Lichfield (mit Hasselblad-Kamera), fotografiert 1968 in Porto Ercole von Slim Aarons. Foto: Slim Aarons/Hulton Archive

Teller ist der jüngste in einer Reihe außergewöhnlich begabter Fotografen, deren Namen sich mit dem Il Pellicano verbinden. Der erste war John Swope. Der Amerikaner hatte in Harvard studiert und mit James Stewart und Henry Fonda Theater gespielt. Bei einer Yachtregatta entdeckte er die Fotografie. Bekannt wurde er in den 1930er und 1940er Jahren mit seinen naturalistischen Aufnahmen des Goldenen Zeitalters Hollywoods. Nach dem Krieg nahm ihn die Agentur Magnum auf, und er fotografierte für das Life-Magazin. Nebenbei gehörte er zu den Gründern der Fluggesellschaft Southwest. Swope investierte in das exklusive Refugium im Süden der Toskana, in dem er zusammen mit seiner glamourösen Frau, der Filmschauspielerin Dorothy McGuire, die Ferien verbrachte.

Später war Slim Aarons Stammgast, ein weiterer Amerikaner. Aarons hatte nach seinem Einsatz im Zweiten Weltkrieg als Kriegsfotograf beschlossen, sich nur noch mit den angenehmen Seiten des Lebens zu befassen. Die fand er in der Welt des Jetsets, den er für Hochglanzmagazine ablichtete. Die Schönen und Reichen öffneten ihm die Türen zu ihren Anwesen. Auch an ihren Swimmingpools durfte er sie ganz privat fotografieren. Im Il Pellicano gehörte Aarons quasi zur Familie. „Ich kannte Slim seit meiner Kindheit, und ich erinnere mich sehr gut an ihn. Er war immer um uns herum. Manchmal arbeitete ich als seine Assistentin und trug die Kameras für ihn“, erinnert sich Marie-Louise Sciò. Typisch für Slim Aarons ist das Foto, das er im Dunstkreis des Il Pellicano in Porto Ercole von seinem englischen Kollegen, Lord Lichfield, schoss. Es zeigt Menschen, wie sie auch im Hotel Il Pellicano ein- und aus gingen. Der 5. Earl of Lichfield, erster Cousin von Königin Elizabeth und Fotograf für Hochglanzmagazine, posiert barfuß mit blauem Hemd und gelben Chinos (mit Nadelstreifen!). Umgeben ist er von drei hochadeligen italienischen Schönheiten. Der Autor der Bildunterschrift, vermutlich Slim Aarons selbst, vermerkt ironisch: „Lord Lichfield … hält eine Hasselblad-Kamera und Marina Lante della Rovere hält ihn. Zur Linken steht Ines Torlonia, zu seinen Füßen liegt Signorina Gancia. Es ist ein großartiges Leben, das Leben eines Fotografen ohne Ehefrau.“ Jedenfalls scheint es ein unsichtbares Band zwischen den Vieren zu geben, das nicht nur aus einem ähnlich lässigen Stil besteht, sondern auch aus der Zugehörigkeit zur selben sozialen Schicht. Jetset-Bilder wie diese scheinen heute ausgestorben. Aber einiges ist geblieben: der beneidenswerte Stil der Gäste, das Gefühl, einer Familie beim Feiern zuzusehen, und die Freude an Geselligkeit, die typisch für Italien ist.

Marie-Louise Sciò und Freunde. Foto: Juergen Teller

Diese Atmosphäre prägt auch Juergen Tellers Aufnahmen zum 50. Geburtstag des Resorts 2015. Hier feierte die neue Generation der Pellicano-Familie: Francesco und Teresa Missoni, Filmschauspieler Josh Hartnett mit seiner Freundin, der Schauspielerin Tamsin Egerton, die Regisseurin und Fiat-Erbin Ginevra Elkann, die Schmuckdesignerin Eugenie Niarchos, das Model Bianca Brandolini d’Adda, die Künstlern Sadie Coles und die italienische Schauspielerin Nicoletta Romanoff, eine Nachfahrin der letzten Zarendynastie.

Marie-Louise Sciò mit Freunden des Il Pellicano: Francesco und Teresa Missoni, Giovanni Magnano und Lucrezia Buti (v. l. n. r.). Foto: Roberta Krasnig/Il Pellicano

Während sie ihr bekanntestes Hotel durch neue Gäste jung hält, widmet sich die  Kreativdirektorin und Vizepräsidentin der Il Pellicano Hotels Group parallel neuen Aufgaben: 2018 übernahm die Pellicano-Gruppe das Management des Hotels La Mezzatorre auf Ischia. Der zinnenbewehrte Palast an der Nordwestküste der Insel verdankt seinen Namen seinem Ursprung als Wachturm, den die aragonesischen Erbauer jedoch nicht fertigstellten – daher der Name Mezzatorre (halber Turm). Direkt daneben wohnte in der Villa Colombaia Luchino Visconti. Das Mezzatorre gehört mehreren Eigentümerfamilien, die sich von der Il Pellicano-Group eine Aufwertung der Insel versprechen, die im Schatten von Capri steht. Marie-Louise Sciò liebt die Ursprünglichkeit von Ischia. „Die Insel ist weniger gentrifiziert als Capri mit seinen vielen Geschäften und internationalen Marken. Ischia ist echt, hat eine unglaubliche Natur und phantastische Thermalbäder.“ Am liebsten würde sie außerdem die Marke Il Pellicano in die Welt hinaustragen, weitere Hotels dieses Namens in anderen Ländern eröffnen. Doch die Corona-Pandemie bremste sie erstmal aus.

Zum 50. Geburtstag des Il Pellicano kamen auch der amerikanische Schauspieler Josh Hartnett und seine Freundin, die Schauspielerin Tamsin Egerton. Foto: Roberta Krasnig/Il Pellicano

Covid hat auch ihr Leben verändert. Bis vor einem Jahr arbeitete sie im Winter in den Vereinigten Staaten und England. Den Sommer verbrachte sie in ihren Hotels. „Früher wohnte ich eine Woche im Monat in Rom, zuletzt verbrachte ich das ganze Jahr in Rom. Wir machten alle Smart Working (in Italien der Ausdruck für Heimarbeit).“ Ihr Alltag war von Zoom-Konferenzen geprägt. „Ein Vorteil war, dass ich so viel Zeit mit meinem Sohn verbringen konnte. Wir haben ein sehr schönes Jahr zusammen verbracht“, sagt sie.

„Ich nenne Issimo
gern unser
viertes Hotel“

Außerdem hat sie in der Zeit der Lockdowns endlich ein anderes Projekt in die Tat umgesetzt: Schon lange dachte sie daran, italienischen Stil im Internet zu verkaufen. Die Pandemie gab ihr dazu den letzten Anstoß. 2020 ging Issimo online. Die Seite ist eine Mischung aus redaktionellem Angebot und E-Commerce. Verkaufen will Marie-Louise Sciò Produkte, in denen „Leidenschaft und Seele“ Italiens stecken. Das Angebot reicht von neuesten Kreationen von Ferragamo und Missoni über limitierte Issimo-Mode, die sie in Kooperation mit Designern wie Alberto Biani entwirft, bis hin zu modernem Interior Design und den Original-Sonnenschirmen aus den Hotels der Il Pellicano-Group. In Kooperation mit Birkenstock entwarf sie Sandalen. Ergänzt wird das Ganze von Kochrezepten, Kulturtipps und persönlichen Cityguides, die Italien aus der Sicht von Italienern vorstellen: etwa mit einem Stadtführer durch Bologna auf den Spuren von Lucio Dalla oder den persönlichen Rom-Tipps von Delfina Delettrez Fendi. Weil Musik eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielt, stellt Marie-Louise Sciò ihre persönliche Playlist für einen Roadtrip durch Sizilien vor (in der jedoch weder Tarantella noch sonstige italienische Songs vorkommen, dafür Tom Waits, Graham Nash, Nico und die Rolling Stones).

Ein Blick ins Innere des Il Pellicano mit Vogeltapeten von Piero Fornasetti.

Sie sagt: „Issimo hatte ich vor der Pandemie geplant. Ich hatte seit zwei Jahren daran gearbeitet. In der Pandemie kamen mir für einen Augenblick Zweifel, ob ein Launch in dieser Krise die richtige Entscheidung war. Andererseits war es der beste Moment, um von Italien zu sprechen. Issimo gibt vielen Menschen die Möglichkeit, im Kopf zu reisen und sich in einer Zeit, da sie physisch nicht reisen können, ein Stück Italien nach Hause zu holen. Ich wollte auch eine Seite haben, die den Stil unserer Hotelgruppe verkörpert. Der besteht darin, in allem die Spitzenleistung zu suchen. Der rote Faden für alle Produkte liegt in der hohen Qualität. Im Nachhinein bin ich sehr froh, dass wir den Mut hatten, die Website in einem scheinbar ungünstigen Moment zu lancieren.“ Inzwischen nennt sie Issimo ihr „viertes Hotel“.

Für Issimo kooperiert Marie-Louise Sciò mit Designern, die sie mag. Hier trägt sie einen Blazer von Blazé Milano for Issimo und Schmuck von Pomellato. Foto: Giada Mariani

„In Issimo stecken meine Ideen und meine Interessen“, bekennt sie. So manches modische Teil, das auf Issimo erhältlich ist, stammt von Designern, mit denen sie befreundet ist. Aber auch das entspricht dem persönlichen Charakter des Il Pellicano. Marie-Louise Sciò präsentiert die Mode auf Issimo gern selbst. Sie beschäftigt aber auch eigene Models.

Inzwischen ist die 44-Jährige selbst eine Stilikone. Das darf man wohl sagen, wenn über ihren Umzug von einer Wohnung in Rom in eine andere die Stilbeilage der New York Times berichtet. Der Umzug führte sie vom Viertel Monteverde ins Rione Sant’Angelo, wo sie nun gegenüber der Engelsburg wohnt: in einem Palast aus dem 16. Jahrhundert, den sie vollauf mit modernem Design ausgestattet hat „Vorher haben mich die internationalen Klassiker der Moderne gereizt, von Mies van der Rohe bis Le Corbusier. Jetzt wollte ich es sehr italienisch haben.“ Nun wohnt sie mit Design von Giò Ponti, Ettore Sottsass, Achile Castiglioni und Superstudio.

Marie-Louise Sciò in einem Outfit von Alberto Biani. Foto: Gerardo Gaetani

Auch wenn sie jetzt wieder viel Zeit im Il Pellicano verbringt, sagt sie, Rom sei die Stadt, die sie liebt, „ein Kontinuum der Geschichte“, wo mehr als zwei Jahrtausende ineinanderfließen. „Wer in Italien aufwächst, der erfährt eine ästhetische Ausbildung“, betont sie. „Italien ist eine Schule des Stils“. Schon ihre Eltern (ihre Mutter heißt auch Marie-Louise) hätten eine lebenslange „Liebesaffäre mit der Schönheit.“ Auch für sie selbst spielt der Begriff eine wichtige Rolle, „ob in Architektur, Mode, Kunst oder beim Anblick einer Landschaft. Man kann sagen: Ich bin verliebt in die Schönheit.“

Wie es weitergeht mit dem Il Pellicano und den anderen Hotels ihrer Familie, wagte sie bis vor kurzem nicht vorherzusagen „In der Pandemie haben alle gelitten“, bedauerte sie Mitte Mai gegenüber CloseUp. Sie hofft, dass die ausländischen Gäste dauerhaft zurückkommen. Nur von italienischen Gästen könnten Hotels in Italien nicht leben. Die Öffnungen in diesem Sommer stimmen sie zuversichtlich. Mit Issimo sorgte die kreative Hotelchefin in der Krise dafür, dass die Marke Il Pellicano im Gespräch blieb. Das Hotel ist seit Ende Mai wieder geöffnet. Und es ist auch schon wieder auf Wochen ausgebucht. Die Chancen stehen also gut, dass die Geschichte dieses einzigartigen Ortes fortgeschrieben wird.

© Holger Christmann

Infos: Hotel Il Pellicano

Hotel Il Pellicano
Mitte der 1960er Jahre eröffnete das amerikanische Ehepaar Graham das Resort an der Küste des Monte Argentario in der südlichen Toskana. Seit Ende der 1970er Jahre ist es im Besitz der italienischen Familie Sciò und ein weltweit bekanntes Luxus-Resort. Località Sbarcatello, 58019 Porto Ercole, Italien, +39 0564 858 111. www.hotelilpellicano.com
Issimo
2020 startete Marie-Louise Sciò, Vizepräsidentin und Creative Director der Pellicano Hotels Group, Issimo als Mischung aus Magazin und Shopping-Portal für Mode, Accessoires und Interior-Design aus Italien. Regelmäßig legt Issimo exklusive Kollektionen in Kooperation mit italienischen und internationalen Designern auf. https://issimoissimo.com

Das könnte Sie auch interessieren:

Ist der Winter noch zu retten?

Editorial
Lockdown in Österreich und noch ein Winter mit Karl Lauterbach? Da hilft nur die Booster-Impfung. Wenn es doch so einfach wäre. Außerdem: Viel Lob für den Start unseres Online-Magazins. Und noch ein Hinweis in eigener Sache.

Der talentierte Mr. Shrigley

Kunst
Vom Gallery Weekend bis zur Art Basel: Warum Künstler so gern mit Wein- und Champagnermarken zusammenarbeiten – zum Beispiel mit Ruinart und Ornellaia.

Ein Sonnenschirm und zwei Lettini

Editorial
Warum es ein Land gibt, wo man den Sommer noch genießen kann. Und was Sie in CloseUp erwartet.