James Bond Special

Liebesgrüße aus Jamaika

In seiner Villa Goldeneye an der Nordküste der Karibikinsel schrieb Ian Fleming seine Agentenromane. Nirgendwo ist man dem Mythos James Bond so nah wie hier.

VON HOLGER CHRISTMANN
5. August 2021
Er wünschte sie sich schnörkellos und offen: Ian Flemings Villa auf Jamaika. Achtzehn Jahre lang kam der Schriftsteller, Journalist und Ex-Geheimdienstmann hierher, ein Dutzend Bond-Geschichten brachte er in seinem privaten Paradies zu Papier. Foto: Christian Horan

In No Time to Die kehrt James Bond nach Jamaika zurück, auf die Insel, auf der die Figur James Bond ihren Ursprung hat. Denn Ian Fleming, der Erfinder von James Bond, fand hier sein privates Paradies – und die Inspiration für seine Bond-Romane. Seit 1976 gehört Flemings Anwesen Chris Blackwell, dem Sohn von Flemings Freundin Blanche Blackwell. Er war der Gründer der Plattenfirma Island Records und Musikproduzent von Bob Marley. Das Anwesen baute er in ein Luxusresort um. Nirgendwo ist man 007 näher als hier.

„ … Ich verbrachte vier Tage im Juli 1943 in Jamaika. Juli ist der Beginn der Hitzesaison und jeden Mittag goss es wie aus Eimern. Trotzdem schwor ich, dass ich, wenn ich den Wettstreit (gemeint ist offenbar der Krieg, Anm. d. Red.) überlebte, nach Jamaika zurückkehren und ein Stück Land kaufen würde, darauf ein Haus bauen und dort leben würde, sooft meine Arbeit es mir erlauben würde. Im Januar 1946 kehrte ich zurück, suchte einen Standort, entwarf ein Haus, suchte mir einen Agenten und einen Architekten, und im letzten Dezember war alles fertig. Dieses Jahr verbrachte ich sechs Wochen Ferien dort, doch ich wünschte, es wären sechs Monate gewesen. Ich lebe an der Nordküste, gegenüber einem unsichtbaren Kuba, an der östlichen Ecke eines kleinen Bananenhafens namens Oracabessa (Goldener Kopf). Meine Nachbarn, Farbige und Weiße, sind charmant und bunt gemischt. Ich bedauere nichts.“ So schilderte Ian Fleming seinen Landsleuten in der britischen Zeitschrift Horizon sein neues Zuhause. Es war der Dezember 1947.

Wie Fleming auf Goldeneye stieß, erzählt der britische Journalist Matthew Parker in seinem Buch Goldeneye: Where Bond was Born. Ian Fleming’s Jamaica. Als der spätere Autor der James-Bond-Romane 1943 zum ersten Mal Jamaika besuchte, tobte der Zweite Weltkrieg. Deutsche und italienische U-Boote waren in die Karibik eingedrungen und griffen dort Raffinerien und Frachtschiffe an. In Jamaikas Hauptstadt Kingston berieten die Militärgeheimdienste von Briten und Amerikaner, wie sie die Seewege sichern könnten. Sorge machte den Alliierten auch der schwedische Industrielle Axel Wenner-Gren, der Beziehungen zu den Achsenmächten unterhielt und als Freund von Hermann Göring galt. Es kursierte das Gerücht, Wenner-Gren baue auf den Bahamas eine geheime U-Boot-Basis für die Deutschen. Eine Bedrohung, die wie ein Plot aus einem Bond-Film klingt. Fleming nahm als Mitarbeiter des Geheimdienstdirektors der britischen Kriegsmarine an der Konferenz teil. Um nach Jamaika zu gelangen, hatte er zunächst den Silver Meteor, einen Zug von New York nach Miami, genommen (die gleiche Zugreise sollte sein Romanheld in Live and Let Die in Gesellschaft der Kartenlegerin Solitaire unternehmen). In Miami nahm Fleming ein Flugzeug nach Kingston. Eigentlich hätte er in der Inselhauptstadt im noblen Myrtle Bank Hotel übernachten sollen. Doch die Frau seines Freundes und Geheimdienstkollegen Ivar Bryce (der laut Fleming viele Eigenschaften seiner Romanfigur besaß), hatte in der Nähe ein denkmalgeschütztes Anwesen namens Bellevue mitsamt Plantage gekauft. Bryce überredete Fleming, dort, in tropischer Natur, zu übernachten. In dem Haus aus der Kolonialzeit mit seinem Garten und dem Ausblick auf Zuckerrohrplantagen erwachte Ian Flemings Liebe zu Jamaika. Auf dem Rückflug nach Miami teilte er Bryce „einen wichtigen Entschluss“ mit: „Wenn wir diesen verdammten Krieg gewonnen haben, werde ich in Jamaika leben … im Meer schwimmen und Bücher schreiben.“

Die Welcome-Lounge schmücken Memorabilien. Ein Foto zeigt eine Begegnung von Sean Connery und Ian Fleming. Foto: Christian Horan

Fleming träumte von einem Gelände mit Klippen, einer kleinen Bucht und keiner Straße zwischen Haus und Meer. Bryce fand ein solches Grundstück für ihn wenig später an der Nordküste, im Distrikt Saint-Mary. Er kabelte ein Telegramm an den in England weilenden Fleming, der sofort antwortete und dem Besitzer die Kaufsumme von 2.000 Pfund überwies. Im Januar 1946 reiste Fleming nach Jamaika, um den Bauplatz in Augenschein zu nehmen. Er war begeistert. Sogleich heuerte er das örtliche Architektenteam Scovell and Barber an und zeigte ihm Ideen für ein Haus. Er wünschte es sich „ohne Glasfenster, nur mit gute alten jamaikanische Jalousien“. Vögel sollten durch das Haus hindurchflattern können. Die Grenzen zwischen Innen und Außen sollten verschwimmen. Flemming wollte nur eine kleine Küche. In den Tropen esse man Obst. Seinen Fisch wolle er jeden Tag selbst fangen. Das Mobiliar solle ebenfalls spartanisch ausfallen. Fleming gab es bei einem lokalen Schreiner in Auftrag. Das gesamte Haus kostete ihn noch einmal 2.000 Pfund. Den Namen für das Anwesen hatte der Vater von James Bond schon im Kopf: Goldeneye. So lautete der Deckname einer Geheimoperation, die er nach eigener Aussage selbst vorbereitet hatte. Sie sollte starten, falls Spanien in den Zweiten Weltkrieg eintreten würde und Großbritannien gezwungen wäre, seine Kolonie Gibraltar zu verteidigen.

Zurück in London sicherte sich Fleming den Job als Leiter der Auslandsberichterstattung der Sunday Times. Der Inhaber des Blatts, Lord Kemsley, genehmigte ihm zwei Monate bezahlten Urlaub im Jahr für seinen jährlichen Winteraufenthalt in der Karibik. Diese Zeit sollte Ian Fleming nutzen, um seinen Agenten zum Leben zu erwecken. Jeden Winter mit einem Abenteuer mehr.

Als Fleming in Jamaika ankam, war die Insel noch Kronkolonie, verwaltet von einem britischen Gouverneur. Doch schon in den 1930er Jahren regte sich Widerstand, angeregt von Exiljamaikanern der Harlem Renaissance in New York. Sie machten auf die soziale Lage vieler Jamaikaner und auf ihre mangelnden Mitbestimmungsmöglichkeiten aufmerksam. 1962 sollte die von dem Anwalt und einstigen Cecil-Rhodes-Stipendiaten Norman Manley und von Alexander Bustamante gegründete People’s National Party die Unabhängigkeit für die Insel erlangen. Für Fleming war Bustamante ein „wunderbar flamboyanter Aufrührer“. In der Unabhängigkeitsbewegung drückte sich für ihn der Drang der Einheimischen aus, sich „die erstrebenswerte Effekthascherei der Weißen wie Autos und Rennpferde“ anzueignen. Er war zuversichtlich, dass „die Liberalität und Weisheit unserer gegenwärtigen Politik den Protesten die Schärfe“ nehmen werde.

Die Bucht seiner Träume: Ian Fleming liebte es, das Riff zu erkunden. Foto: Peter Brown/Island Outpost

Fleming erlebte die turbulenten Jahre in angenehmer Abgeschiedenheit. Die Distrikte Portland und St. Mary im Norden Jamaikas mit ihren Kolonialvillen, Great Houses genannt, ihrer überbordenden tropischen Natur werden noch heute als das „andere Jamaika“ bezeichnet, um es von den Regionen mit hoher Kriminalitätsrate abzugrenzen. Der Bond-Autor lebte hier in der Blase der reichen Expats. Der Journalist Matthew Parker schildert diese Welt in seinem Buch Goldeneye: Where Bond was Born. Ian Fleming’s Jamaica. Während der Bauzeit von Goldeneye kam Fleming bei Sir William Stephenson unter. Der kanadische Millionär hatte im Krieg die Operationen des britischen Secret Service in Nordamerika geleitet. Er und seine Frau Mary hatten Hillowtown erworben, ein Great House in der Nähe von Montego Bay. Zur Community zählte auch Lord Beaverbrook, ehemaliger MP und Inhaber des Londoner Daily Express. Fleming mochte vor allem Molly Huggins, die engagierte Frau des britischen Gouverneurs, laut Fleming eine „blonde und sehr beliebte Sexbombe“. Ein weiterer prominenter Nachbar war der amerikanische Schauspieler Errol Flynn. Der Star aus Captain Blood und Robin Hood war mit seiner 36-Meter-Yacht Zaca vor der Küste Jamaikas in einen Sturm geraten und hatte sich in den Hafen von Kingston gerettet. Er entschied, zu bleiben. In Port Antonio, nicht weit von Goldeneye, kaufte er die Insel Navy Island. Flynn schwärmte, Jamaika sei schöner als jede Frau, die er kennengelernt habe. Der Filmstar trug dazu bei, dass Jamaika in den 1950er Jahren Stars aus Amerika anlockte.

Auch der Schriftsteller Noël Coward erwies sich als Magnet. Er lernte Jamaika kennen, als er Ian Fleming anbot, in seiner Abwesenheit Goldeneye anzumieten. Begeistert von der Insel, kaufte der Schriftsteller das Landhaus Blue Harbor und die Villa Firefly, das historische Haus von Sir Henry Morgan, dem legendären Piraten und ersten Gouverneur Jamaikas. Bei Coward gingen die Filmstars ein und aus: Laurence Olivier, Vivien Leigh, Elizabeth Taylor, Sophia Loren, Michael Redgrave und Peter O’Toole. Von Montego Bay bis Port Antonio eröffneten an der Nordküste Luxushotels, so 1962 das Frenchman’s Cove Resort in Port Antonio. Hier machten die Beatles und Queen Elizabeth Urlaub. Ian Flemings Zuhause war indes bei Staatsgästen beliebt: Der gesundheitlich angeschlagene britische Premierminister Anthony Eden und seine Frau traten mitten in der Suez-Krise einen Urlaub auf Jamaika an und verbrachten drei Wochen auf Goldeneye. Es gefiel ihnen auf dem Anwesen so gut, dass sie es kaum einmal verließen. Die Besucher aus Downing Street 10 fühlten sich aber auch deshalb in der Villa so wohl, weil vor der Tür die Reporter lauerten und Eden sicher gefragt hätten, ob eine internationale politische Krise der richtige Zeitpunkt war, um Urlaub zu machen. Auch unter Wasser lauerten Gefahren, so dass Eden nur sehr vorsichtig im Meer seine Runden zog. Der Premier begründete die Tradition, im Garten von Goldeneye einen Baum zu pflanzen und der Oracabessa-Stiftung Geld zu stiften, die sich um den Schutz der Riffe kümmert und örtliche Schulen unterstützt – eine Tradition, der prominente Besucher nacheiferten, ob Harrison Ford, Naomi Campbell oder Sting. Der Musiker soll in Goldeneye den Song Every Breath You Take komponiert haben. Jamaika war hip und exklusiv, es war das Saint-Barths der fünfziger und sechziger Jahre. Und Ian Fleming liebte das Riff und die Unterwasserwelt.

Ian Fleming liebt es spartanisch. Heute bietet Goldeneye jeden Komfort. Foto: Christian Horan

Kein Wunder also, dass der Schriftsteller seine Bond-Romane gerne auf Jamaika spielen ließ. Der Schriftsteller entdeckte den Abenteurer in sich, er tauchte, ging auf Hai- und Barrakudajagd, er eignete sich die Draufgängerqualitäten an, die seinen Romanhelden auszeichnen sollten. Und manches, was man aus Bond-Filmen kennen sollte, passierte auf Jamaika wirklich. So wurde der Schauspieler Sir Laurence Olivier von einem Stachelrochen gestreift, der Schauspieler David Niven fast von einem Skorpion gebissen. Fleming wusste auch nur zu genau, dass sich die Leser im grauen Alltag des Nachkriegs-Englands nach Exotik sehnten. In seinem Aufsatz How to Write a Thriller erklärte er 1963: „Die Sonne scheint immer in meinen Büchern.“ Matthew Parker zählte, dass in drei Bond-Romanen die Haupthandlung in Jamaika spielt (Live and Let Die, Dr. No, The Man with the Golden Gun), einmal auf den Bahamas (Thunderball). Schauplätze seiner Kurzgeschichten seien Jamaika, die Seychellen und Bermuda. Drei Bücher spielten in den Vereinigten Staaten, ein Land, das englische Leser um seinen Wohlstand und seine Modernität beneideten.

Die fünfziger Jahre
waren alles,
nur nicht prüde

Auf Jamaika lebten Besucher und Expat-Community auch jene sexuelle Freizügigkeit aus, wie wir sie aus den Bond-Filme kennen. Die Frauen der 1950er Jahre waren nämlich wohl nicht ganz so unterdrückt und prüde, wie es das Jahrzehnt-Klischee besagt. Der deutsche Journalist Harald Jähner beschrieb in seinem Buch Wolfszeit, wie die Frauen im Deutschland der Nachkriegszeit ihr Begehren auslebten. Noch leichter fiel es Menschen weit weg von zuhause, die Hemmungen fallen zu lassen. Seitensprünge waren bei den Männern und Frauen in Flemings Umkreis gang und gäbe. Das begann bei Ann, der Frau, die Flemings Frau wurde. Schon während ihrer Ehe mit Lord Rothermere hatte sie mit Fleming eine Affäre. Sie besuchte ihn auf Jamaika in Begleitung von Loelia Ponsonby, einer Frau, die auch schon mit Fleming ein Techtelmechtel hatte. Der Womanizer Fleming hatte Affären auch mit Millicent Huttleston Rogers, der Erbin des Ölförderers Standard Oil und wohl auch mit seiner Intimfreundin Blanche Blackwell. Als Ann und Loelia abreisten, machten weitere weibliche Besucher dem Schriftsteller in Goldeneye die Aufwartung: die Society-Kolumnistin Elsa Maxwell und die Schriftstellerin Rosamond Lehmann. Betont freizügig ging es in Noël Cowards Villa Firefly zu. In deren Pool durfte nur nackt gebadet werden. Ein Besucher schilderte, wie er nachmittags am Pool auf die nackte Vivien Leigh traf, die mit ihrem Körper die Blöße des ebenfalls unbekleideten Laurence Olivier bedeckte. Die beiden waren allerdings verheiratet. Nacktpartys fanden regelmäßig in der Villa Firefly statt. Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens hatten damals einen unschlagbaren Vorteil gegenüber heutigen Promis: Es lauerte ihnen nirgendwo ein Hobby-Paparazzo mit seinem Handy auf.

Der ruhige Nordosten Jamaikas wird von seinen Liebhabern das andere Jamaika oder auch Flemingland genannt. Hier erbaute sich Ian Fleming sein Anwesen Goldeneye. Auch ein anderer Promi siedelte sich hier an: Dramatiker Noël Coward besaß die Villen Firely und Blue Harbour. An den Laughing Waters bei Ocho Rios entstieg Ursula Andress alias Honey Ryder im Bikini den Fluten. Illustration: Steffi Christmann

Ian Fleming versuchte jeden Winter in Goldeneye zu nutzen, um einen Roman zu vollenden. 1952 schrieb er auf Goldeneye mit Casino Royale den ersten Bond-Roman, es folgten Live and Let Die (1953) und Moonraker (1954). Goldfinger (1956) war der erste Bond-Roman, der in Großbritannien die Bestsellerlisten erklomm. 1958 stellte der Schriftsteller auf Jamaika Thunderball fertig. Insgesamt ein Dutzend 007-Romane und -Kurzgeschichten verfasste er in der Karibik. Nach mehreren Bestseller-Erfolgen erwarben die Filmproduzenten Harry Saltzman und Albert Cubby Broccoli 1961 die Filmrechte für Dr. No und für weitere Romane. Ein Jahr später stellte das Drehteam am Strand von Laughing Waters östlich von Ochos Rios seine Kameras auf. Es entstand der berühmteste Bikini-Auftritt der Filmgeschichte, jene Szene, in der Ursula Andress mit dem Selbstbewusstsein einer schönen Frau aus den Fluten steigt. Fleming freundete sich mit der Schweizer Darstellerin an und besuchte sie fast täglich am Film-Set. Sean Connery hatte zuerst abgelehnt und Fleming gehofft, David Niven bekomme die Rolle. Auf Jamaika begann er, seine Meinung zu ändern. Später machte er dem Schotten das Kompliment, dass er die Bond-Romane gern noch einmal schreiben und auf Connery zuschneiden würde.

Hier kommt ein der Mann ins Spiel, der für das Anwesen Goldeneye wichtig werden sollte: Chris Blackwell. Er war der Sohn von Ian Flemings Freundin Blanche und war im Musikgeschäft tätig. Er hatte eine Plattenfirma namens Island Records gegründet und kannte nicht nur die besten Clubs, sondern auch die besten Bands der Insel, so die angesagte Calypso-Band Byron Lee and the Dragonaires. Sie traten im Dr. No-Film mit dem ersten Bond-Hit-Song auf, Underneath the Mango Tree. Zwei Jahre nach dem Kinostart von Dr. No starb Ian Fleming mit nur 56 Jahren. Neun Jahre später erbte sein einziger Sohn, Caspar, mit 21 Jahren das Anwesen Goldeneye. Doch auch er erlag einem frühen Tod. Er litt unter  Drogenproblemen und nahm sich 1975 das Leben. Blanche Blackwell, die sich nach wie vor um die Pflege der Villa kümmerte, überredete ihren Sohn Chris, das Anwesen zu kaufen. Chris Blackwell war inzwischen ein weltbekannter Musikproduzent. Er hatte Bob Marley als bekanntesten Reggae-Musiker der Welt etabliert und produzierte Emerson Lake & Palmer, Jethro Tull und Cat Stevens. Später förderte er die Karrieren von U2 und Sting.

In den 1980er Jahren bewies Blackwell als Immobilien-Investor das richtige Näschen. Er kaufte zehn angestaubte Art-Deco-Hotels am Rodeo Drive von Miami Beach, darunter das Marlin und das Cavalier, ließ sie renovieren und gab damit die Initialzündung für das Revival von Miami Beach. Ende der 1980er Jahre versilberte Blackwell diese Immobilien und verkaufte Island Records an Polygram. Er wollte sich ganz Goldeneye und anderen Immobilien in der Karibik widmen. Goldeneye baute er zu einem Boutique-Resort aus. Unter dem Dach von Island Outpost gehören ihm heute ein Dutzend Boutique-Hotels in der Karibik. Auch auf seiner Heimatinsel war Blackwell Vorreiter. Investoren folgten seinem Beispiel und investierten an Jamaikas Nordküste. Das andere Jamaika, Flemingland, erlebt ein Revival.

Der Blick vom Fleming-Beach aufs Meer: Ian Fleming legte Wert darauf, den Fisch oder Hummer für seine Gäste selbst zu fangen. Wenn er hinausfuhr, um zu tauchen, um Barrakudas und Haie zu beobachten, war er in seinem Element. Foto: Christian Horan

Ian Fleming wäre wohl einverstanden mit der Art, wie Chris Blackwell das Anwesen sinnvoll ausgeweitet hat. Stand einst nur die Fleming-Villa als Unterkunft zur Verfügung, kaufte Blackwell weitere Parzellen in einer neugeschaffenen Lagune hinzu und baute Cottages, Strandvillen- und Hütten. 47 Zimmer bietet das Resorts jetzt. Die Unterkünfte sind komfortabel, verströmen aber noch das Spartanische aus Ian Flemings Plänen: Die Duschen stehen vielfach (nicht immer) im Freien (allerdings mit Bambuswänden vor Blicken geschützt), Lamellenfenster erinnern an den Traum des Schriftsteller vom naturnahen Wohnen. Es gibt drei Pools, eine Bar (an der auch schon Johnny Depp und Kate Moss abhingen) und zwei Restaurants, Bamboo-Bar & Grill und Gazebo. Auf der Speisekarte stehen neben internationalen Standards lokale Fischgerichte wie Marlin (ein Speerfisch), gegrillte Hummerschwänze und Goldmakrelen. Die Fleming-Villa, über eine Brücke mit der Lagune verbunden, ist Teil des Resorts. Sie bietet drei Schlafzimmer und zwei Gästezimmer. Butler, Housekeeper und Koch sind inklusive.

Die Attraktionen von Goldeneye sind das smaragdgrüne Meer und das Riff, das Fleming so faszinierte. Er ließ sich dort stundenlang treiben, erkundete die Unterwasserwelt, fing Hummer, beobachtete Barrakudas und Haie. Der britische Schriftsteller Kingsley Amis erkannte, wie sehr diese Natur die Roman- und Filmfigur Bond prägte: „Alle energiegeladenen Autoren besetzen einen Teil der Welt für sich und der pelagische Dschungel, durchzogen von Rochen und Barrakudas, ist der von Mr Fleming.“

Auch als Luxusresort bleibt die Fleming-Villa dem Grundgedanken ihres Gründers treu: der Natur nah zu sein. Bambuswände sorgen für die nötige Diskretion. Foto: Adrian Boot/Island Outpost

Nach Dr. No und Live and Let Die kehrten die Bond-Macher für No Time To Die  zu Dreharbeiten nach Jamaika zurück. Sie filmten im benachbarten Port Antonio. Das Team mit Daniel Craig, Léa Seydoux, Ana de Armas, Naomie Harris und Lashana Lynch besuchte auch Goldeneye. Es dürfte ihnen ähnlich ergangen sein wie Roger Moore, als er zum ersten Mal hier weilte. Moore bekannte, er spüre eine große Ehrfurcht und Demut, wenn er daran denke, „dass alles hier in diesen einfachen Räumen mit dem ersten Bond-Buch begann“.

© Holger Christmann

Infos: Jamaikas Nordosten

Goldeneye
Luxus-Resort auf dem erweiterten Grundstück der Fleming-Villa im Besitz von Chris Blackwell. Der war schon musikalischer Berater bei Dr. No. Beliebt bei Promis. Sting schrieb hier Every Breath You Take. Bungalow ab ca. 500 Euro die Nacht in der Kategorie Strandhütte mit Veranda. www.goldeneye.com
Geejam Hotel
Lieblingshotel von Kreativen in Port Antonio mit angeschlossenem Musikstudio, von den Musikproduzenten Jon Baker und Steve Beamer gebaut. Zu den Gästen gehörten Beyoncé und Rihanna. Harry Styles nahm hier ein Album auf. Übernachtungen ab 258 bis 390 US-Dollar, je nach Saison. www.geejamhotel.com
The Trident Hotel
Luxushotel mit 13 Villen direkt am Meer in Port Antonio, das dem jamaikanisch-kanadischen Milliardär Michel-Lee Chin gehört. Genauso wie das benachbarte Trident Castle, das reiche Menschen – etwas Hollywoodstars – anmieten. Eine Villa kostet pro Nacht zwischen 560 und 827 Dollar. www.thetridenthotel.com
Lektüre
Matthew Parker: Goldeneye – Where Bond was Born. Ian Fleming’s Jamaica. Penguin Random House. 2014. 6,99 Euro.

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