Gesellschaft
„Ich glaube, ich finde mich etwas seltsam“
Claudia Cardinale galt als eine der schönsten Frauen der Welt. Über ihren Körper sprach sie bemerkenswert offen, doch Schönheits-OPs lehnte sie ab. In einer Zeit der unerreichbaren Schönheitsideale kann sie ein Vorbild sein.
VON HOLGER CHRISTMANN
26. November 2025
Claudia Cardinale, 1961. Foto: Carlo Bavagnoli, Mondadori/Getty Images
Mitte November trafen sich die Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC) in Dresden zu ihrer Jahrestagung. Aus diesem Anlass veröffentlichten die Fachmediziner ihre jährliche Statistik zur Nachfrage nach ästhetischen Korrekturen. Sie ergaben einen eindeutigen Trend: Nicht nur die Zahl der Botox-Behandlungen steigt weiter. Deutsche Patientinnen zählen auch zur Weltspitze bei Brust-OPs, wobei die Bruststraffung erstmals vor der Brustvergrößerung mit Implantaten liegt. Wachsender Beliebtheit, besonders bei Menschen unter 30, erfreut sich die Intimchirurgie – Eingriffe, vor deren Risiken Ärzte warnen. In einem Beitrag für das Deutsche Ärzteblatt schreibt die Psychologin Ada Borkenhagen, dass hinter dem Wunsch nach Genitalchirurgie häufig Depressionen, narzisstische Störungen, Sexualstörungen oder Reifungskonflikte stecken, dass somit Chirurgie nur Symptome behandelt, nicht Ursachen. Fest steht: Die Nachfrage nach ästhetischen Eingriffen steigt in vielen Ländern der Welt, ob in Deutschland, Südkorea, Italien oder Brasilien – und sogar in Iran. Nach einem Bericht von Deutschlandfunk Kultur haben sich 60 Prozent der Iranerinnen (und Iraner) Eingriffen wie einer Nasen-OP unterzogen. 80 Prozent nehmen Schönheitsbehandlungen wie Botoxspritzen regelmäßig in Anspruch. Eine Mode bei iranischen Frauen: das Panther-Gesicht mit hohen Wangenknochen und vollen Lippen. Ein Grund für die Bereitschaft von Frauen – und immer mehr Männern –, sich aus ästhetischen Gründen dem Skalpell des Chirurgen anzuvertrauen, sind bearbeitete Bilder aus den sozialen Medien. Ärzte berichten, dass vor allem jüngere Menschen Korrekturwünsche anhand solcher Fotos dokumentieren. Laut der DGÄPC bestimmen die sozialen Medien immer mehr das Selbstbild der unter 30-Jährigen.
Claudia Cardinale und Brigitte Bardot – Symbole weiblicher Selbstbestimmung
Doch wie war das früher, als es auch schon Mode- und Film-Ikonen gab, denen viele nacheiferten, vom androgynen Mager-Look von Twiggy bis zur kurvigen Brigitte Bardot? Ein großer Unterschied bestand darin, dass diese Frauen vor allem Stil-Vorbilder waren, und für die meisten Menschen unerreichbar. Frauen wie die Bardot und Catherine Deneuve waren zudem Symbole weiblichen Selbstbewusstseins. Schönheits-OPs hätten ihrem Image eher geschadet.
Eine dieser Frauen war Claudia Cardinale, die im September im Alter von 87 Jahren gestorben ist. Sie galt als eine der schönsten Frauen der Welt. Anfangs versuchte die Filmbranche die Tochter sizilianischer Auswanderer, die in Tunesien aufwuchs, zurechtzubiegen. Das begann mit ihrer heißeren und kratzigen Stimme, die neben ihrem französischen Akzent ein Grund dafür war, dass Filmproduzenten die Tonspur der Cardinale in den ersten Jahren synchronisieren ließen. Dem Magazin Dazed erzählte die Diva 2013: „Ich habe diese seltsame Stimme, weil ich als Kind nicht gesprochen habe. Ich habe mich ständig mit Jungen gestritten – ich wollte beweisen, dass Mädchen stärker sind. Ich war furchtbar, ein echter Wildfang. Aber ich habe nie gesprochen. Als ich anfing, Filme zu drehen, sagte der Arzt: ,Sie haben diese Stimme, weil Sie sie in Ihrer Jugend nie benutzt haben.‘ Es ist lustig, wenn ich zu Hause angerufen wurde, sagten die Jungen: ,Hallo Mister, kann ich mit Claudia sprechen?‘ Sie dachten, ich wäre ein Mann!“ Erst Federico Fellini setzte durch, dass Claudia Cardinale in seinem Film 8 ½ mit ihrer eigenen Stimme zu hören war. Diese vermeintlich unattraktive Stimme begann das Publikum zu faszinieren.
Wie Claudia Cardinale zu ihrer Stimme fand
Die Zeitung Il Tempo schrieb über Cardinales Film „Zwei Tage und zwei Nächte“ aus dem Jahr 1963: „Ein Großteil des Erfolgs des Films ist ihrer [Cardinales] stimmlosen, heiseren, verschluckten, kratzigen, düsteren Stimme zu verdanken. Für die einen faszinierend und sinnlich, für die anderen unsympathisch und ungeschickt, aber auf jeden Fall ein Grund für Neugier und Anziehungskraft. So sehr, dass die Leute darüber reden, neugierig werden und ins Kino gehen, um sie zu hören.“ Der Schriftsteller Mario Soldati kam in einem Artikel mit dem Titel „Claudia Cardinale hat ihre Stimme“ gefunden zu dem Schluss, dass „Claudias Stimme gerade wegen ihrer Natürlichkeit, ihrem stimmlosen Ton, ihren Fehlern, kurz gesagt, weil es eine echte, ungeübte, normale Stimme ist, gefiel“. Cardinale sagte viele Jahre später, dass Schauspielerinnen mit ungeübter Stimme wie Scarlett Johansson ihr dankbar für ihre Vorreiterrolle sein könnten.
Eine eigene Stimme fand Claudia Cardinale auch, als es um ihren Körper ging, den sie alles andere als perfekt, sondern „etwas seltsam“ fand. Das gestand die 23-jährige Cardinale in einem berühmt gewordenen Interview dem Schriftsteller Alberto Moravia, der sie im Mai 1961 in seinem Arbeitszimmer in Rom für ein Magazin befragte. Der Verfasser existentialistischer Romane wie „Die Verachtung“ (1954) und „La noia“ (1960) schickt voraus, dass er sie nicht zu ihren Ansichten zu Politik, Liebe zur Kunst, zu Frauen und Männern, zu Italien zu Amerika, zum Kino, zur Religion, zum Essen und so weiter befragen wolle. Dies seien „Dinge, über die man in dieser und jener Meinung sein kann, weil sie unsicher, wandelbar und von der Umgebung beeinflusst sind, weil sich noch dazu ihr Wahrheitsgehalt nicht überprüfen lässt. Es sind lauter Dinge, in denen Sie Millionen anderer Menschen gleichen und die Sie in keiner Weise unverwechselbar machen.“ Dem Journalisten Alain Elkann gestand Moravia, dass er sich beim Gedanken an das Treffen mit der jungen Schauspielerin unwohl gefühlt haben. „Ein Interview mit einer Diva kann sehr nervig sein, besonders wenn sie ihren Starstatus ausspielen und mit dem Journalisten all diese Filmstar-Spielchen treiben. Ich hatte die Idee, daraus ein philosophisches Interview zu machen.“
Alberto Moravia interessierte an seinem Gegenüber, „was Sie als Gegenstand von anderen Gegenständen unterscheidet, in anderen Worten, was Sie als Erscheinung sind. Es ist bekannt, dass es in der Natur nichts gibt, was sich gleicht. An einem Baum gibt es kein einziges Blatt, das einem anderen gleicht. Nur der Mensch stellt identische Dinge her, serienmäßig. Was Sie also von Millionen anderer Menschen unterscheidet, ist Ihre Erscheinung als Ding der Natur.“
Das Gegenüber als Objekt zu sehen, das klingt in heutigen Ohren herabwürdigend, ja sexistisch. Doch dem Schriftsteller ging es darum, statt der öffentlichen Person deren Essenz zum Vorschein zu bringen. Claudia Cardinale ließ sich auf das Gedankenspiel des Schriftstellers ein. War Objekthaftigkeit nicht eine natürliche Folge ihres Berufs? Mit ihrer Präsenz auf abertausenden Kinoleinwänden setzen sich Schauspielerinnen und Schauspieler natürlicherweise den neugierigen, begehrlichen oder neiderfüllten Blicken von Abertausenden, ja Millionen Menschen aus. Außerdem war ihre Schönheit schon längst Gegenstand medialer Bewunderung geworden.
„Als Kind hatte ich einen Minderwertigkeitskomplex“, gestand die Filmdiva
Geständnis belohnte: „Als Kind hatte ich einen Minderwertigkeitskomplex, weil sie ein bisschen vom Kopf abstehen – Segelohren, wie man das nennt. Stellen Sie sich vor, dass man sie mir für die Arbeit in dem Film „Diebe haben’s schwer“ angeklebt hat. Aber jetzt habe ich keine Komplexe mehr.“ In diesem Stil ging das Gespräch weiter: Auf ihre Stirn angesprochen, antwortete Claudia Cardinale, diese sei „nicht besonders hoch und eher hart“. Ihren Mund fand sie vielleicht „ein bisschen hart“. Moravia korrigierte: „Nicht einfach nur hart. Schmollend, verachtungsvoll und vor allem ein bisschen grob, bäuerisch. Ein Mund, bei dem man sich vorstellen kann, wie er in eine Frucht beißt oder einen Kern ausspuckt und wie er auf einem Grashalm kaut.“ Claudia Cardinale zeigte sich gar nicht beleidigt, sondern legte nach. Sie verriet ihm, was in ihrem Gesicht passiert, wenn sie lacht: „Ich kriege zwei Grübchen auf die Wange … die Nase wird auf Höhe der Augen zu beiden Seiten ganz knittrig. Keine Ahnung, warum.“ Ihre Nase empfand die Schauspielerin als „leicht stupsnäsig“.
Der Schriftsteller fand Claudia Cardinales Nase durchaus interessant: „Es ist eine kleine Nase mit einem eigenen Charakter. Ich würde sagen, ein klassischer Charakter, wenn auch von einer modernen Sinnlichkeit gemildert. Zumal sich unter dieser leichten Stupsnase ein Mund mit herabhängenden Winkeln befindet, so wie bei manchen Gesichtern von Michelangelo.“ Hände, Brüste, Schultern, kein Körperteil der jungen Frau sparte das Interview aus. Claudia Cardinale, die offenbar Gefallen am Beichten fand, gestand: „Ich hätte gern etwas schmalere Hüften.“ Sie zeigt sich zufrieden mit ihren Beinen, die zwar nicht allzu dünn seien. Sie hätten jedoch „die drei vorgeschriebenen Mulden … eine zwischen Fuß und Wade, eine ein zwischen Wade und Knie und eine zwischen Knie und Schenkel“.
Schließlich fragt Moravia die Filmdiva, was ihrer Meinung nach das wichtigste Merkmal ihrer Schönheit sei. „Ich weiß nicht, ob ich wirklich schön bin. Ich glaube, ich bin etwas seltsam“, bekundet sie zweifelnd. Sie glaubt, es gebe einen Unterschied zwischen ihrem Kopf und dem Rest ihres Körpers. Der fällt auch dem prominenten Interviewer auf: „Der Kopf ist der eines jungen Mädchens … der Körper hingegen der einer ausgewachsenen Frau.“
Braucht unsere Zeit mehr Claudia Cardinale und weniger Kim Kardashian?
Das Gespräch zwischen dem angesehenen Schriftsteller und dem angehenden Filmstar war damals und ist auch heute noch eine Offenbarung. So unbekümmert, ehrlich und ungeschminkt sprach weder vorher noch nachher ein Filmstar über seinen Körper. Cardinale glaubte nicht, einem vollkommenen Schönheitsideal zu entsprechen. Sie vermittelte aber auch den Eindruck, einem solchen Ideal entsprechen zu müssen, sondern akzeptierte ihren Körper als unverwechselbaren Teil ihrer Persönlichkeit. Dass sie sich Schönheitsoperationen unterzog, ist nicht überliefert. Was sie von solchen Eingriffen hielt, verriet die Diva in einem Interview, als sie schon über 70 war: „Ich habe noch nie – wie sagt man? – ein Facelifting machen lassen. Oder so etwas in der Art. Meine Mutter sagte immer: ‚Warte, bis du älter bist, dann wirst du immer lächeln.‘ Das stimmt. Warum sollte man das also verstecken?“
Unsere Zeit braucht mehr Vorbilder wie Claudia Cardinale und weniger Leitbilder wie Kim Kardashian: Frauen, die selbstbewusst in ihrem Körper leben, die auf Natürlichkeit Wert legen und die wissen, dass Schönheit nichts mit Chirurgie, Botox und aufgespritzten Lippen, sondern viel mit natürlichen Anlagen und einem gesunden und erfüllenden Leben zu tun hat.
Jugendliche und junge Erwachsene sind derweil laut Fachärzten in sozialen Medien massiv realitätsfremden Schönheitsidealen ausgesetzt. Besonders prägend seien Inhalte von Influencerinnen und Influencern, die den Eindruck vermittelten, kosmetisch-ästhetische Eingriffe seien normal oder gar alltäglich, erklärt Dr. Helge Jens, Präsident der DGÄPC, gegenüber dem Rheinischen Ärzteblatt. Gezeigt würden sogenannte Russian Lips, Po-Vergrößerungen wie das Brazilian Butt Lift, überdimensionierte Brüste oder chirurgisch modellierte Bauchmuskeln.
Während der Einfluss der sozialen Medien auf das Selbstbild junger Menschen wächst, berichten andere davon, dass es ihnen besser ging, als sie die sozialen Medien weniger nutzten. 68 Prozent der von der DGÄPC befragen Menschen unter 30 sprechen sich mittlerweile für eine Kennzeichnung von digital und mit KI bearbeitetem Bildmaterial aus. „Erfreulich“ finden das Deutschlands Fachärzte für Plastische und Ästhetische Chirurgie. Eine entsprechende Petition hat ihr Verband bei der Bundesregierung eingereicht. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jungend (BMFSFJ) habe jedoch deutlich signalisiert, dass kein Interesse an einer Weiterverfolgung einer gesetzlichen Kennzeichnungspflicht bestehe. Die Antwort des Bundesjustizministeriums stehe noch aus.
© Holger Christmann/FEATURE
Lektüretipp:
Alberto Moravia: Claudia Cardinale. Ein etwas ungewöhnliches Gespräch. Schirmer Mosel Literatur, 2010.



