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„Niki Lauda hab ich ignoriert“

Der englische Kostümbildner Julian Day über seine Arbeit mit Elton John, Queen-Gitarrist Brian May und Lily James und über Stars mit schlechtem Gedächtnis.

VON HOLGER CHRISTMANN
5. August 2021
Die Schauspielerin Lily James im Remake des Hitchcock-Klassikers Rebecca, zu sehen auf Netflix. Der Film spielt in den 1930er Jahren. Die Outfits kreierte Julian Day zusammen mit Chanel.

Sie sind die stillen Stars jedes Kinofilms: Kostümdesigner unterstützen Schauspieler bei ihrer Verwandlung, sie verankern historische Handlungen in einer bestimmten Epoche oder lassen auf einen Blick den sozialen Status einer Filmfigur erkennen. Kurzum: Ein Gutteil der Überzeugungskraft eines Kinofilms beruht auf der Arbeit des Kostümbildners, wie er in Deutschland genannt wird. Der Engländer Julian Day ist ein Meister dieses Fachs. Er sorgte dafür, dass Rami Malek in Bohemian Rhapsody Freddie Mercury so ähnlich wie möglich sah, er brachte Elton Johns schrillen Look mit Pailleten, Glitzerfäden und übergroßen, poppigen Sonnenbrillen auf die Leinwand und er gab zuletzt den Schauspielern Lily James, Armie Hammer und Kristin Scott Thomas im Hitchcock-Remake Rebecca das modische Flair der 1930er Jahre. Aktuell versetzt er modisch eine Mittelalterverfilmung in die Neuzeit. Im Interview verrät er, was ihn an den 1930er Jahren  fasziniert, warum seine Entwürfe bei Queen-Gitarrist Brian May beinah durchgefallen wären und warum er Anrufe berühmter Leute manchmal freundlich ignoriert.

Holger Christmann: Sie sind einer der bekanntesten Costume-Designer unserer Zeit. Wann wussten Sie, dass Sie mit Mode arbeiten möchten?

Julien Day: Als Kind hatte ich diese Mattel-Puppen, Action Men. Die habe ich gern eingekleidet. Mit 16 verkaufte ich Vintagekleidung auf Märkten. Mode hat mich immer fasziniert. Und auch Filme liebte ich. Die Idee, Mode und Film zu verbinden, war daher logisch.

Gab es Filme, die Sie schon als Kind für ihre Ausstattung bewunderten?

Julien Day: Oh ja, zum Beispiel The Searchers (Deutsch.: Der schwarze Falke, 1956) von John Ford mit Natalie Wood und John Wayne. Die Kostüme in dem Film sind unglaublich farbenfroh. Außerdem mochte ich Abenteuerfilme mit Erol Flynn. Die haben mich beeinflusst. Ich liebe Farben und setze sie bewusst ein. Als ich bei Angels Costumes (weltweit größter privater Kostümverleih für Film, Fernsehen und Theater, Anm. d. Red.) anfing, hatte ich ständig mit Filmleuten zu tun.

Julian Day liebt Hüte. Meist kauft er sie bei Worth & Worth in New York. Über seinen Stil sagt er : „Ich sehe aus wie ein Priester aus dem Mittleren Westen. Oder wie ein Puritaner.”

Auch zum Motorsport hatten Sie bereits eine Beziehung, als Sie die Outfits für Rush auswählten, den Film über die Rivalität zwischen den Rennfahrern Niki Lauda und James Hunt.

Julien Day: Das war ein großes Ding. Mein Vater, John, besaß eine Firma zur Herstellung von Modellbauautos und sponserte in den 1970er-Jahren Formel-1-Rennen. Als ich bei den Dreharbeiten zu Rush einen Spaziergang über den nebligen Nürburgring machte, stand da doch tatsächlich ein Auto mit seiner Werbung herum. Mein Vater war befreundet mit dem Rennfahrer Graham Hill. Als Kind spielte ich viel mit seinem Sohn, Damon Hill. Eine der Herausforderungen bestand darin, die Rennanzüge herzustellen. Dabei war einiges zu beachten, zum Beispiel mussten sie feuerfest sein. Und natürlich mussten bei jedem Rennen die Aufnäher der Sponsoren auf den Anzügen mit denen auf den Originalanzügen von damals übereinstimmen. Ich ließ mich auch von dem Mann beraten, der Niki Laudas Rennschuhe gefertigt hatte. Und dann gab es diesen Anruf. Einmal kam ich abends nach Hause, am Telefon war Peter Morgan, der Drehbuchautor von Rush (Morgan schrieb auch das Skript für die Netflix-Produktion The Crown, Anm. d. Red.). Er sagte: ,Ich habe jemanden am Telefon für dich.‘ Was dann kam, klang so (Julian Day imitiert einen österreichischen Akzent, Anm. d. Red): „Hi, it’s Niki here. I just want to say: Marlene never wore skirts. So don’t put her in a skirt.” Ich hab das ignoriert und sie trotzdem in Röcke gesteckt. Niki Lauda war ein toller Rennfahrer, aber mit Mode kenn ich mich besser aus.

Dann kam Bohemian Rhapsody, der Film über die Rockband Queen und ihren Frontman Freddie Mercury. Sie sollen gesagt haben, am schwierigsten sei die korrekte Rekonstruktion des Live-Aid-Konzerts von 1985 im Londoner Wembley-Stadion gewesen. Da trug aber zumindest Freddie Mercury ein sehr schlichtes Outfit.

Julien Day: Es war toll, mit Rami Malek zu arbeiten, einem hingebungsvollen Darsteller. Das Live-Aid-Konzert 1985 war das erste, das wir drehten – vor allem für Rami war das super anspruchsvoll, aber auch in puncto Ausstattung musste alles perfekt sein. Immerhin hatte mehr als eine Milliarde Menschen in 110 Ländern das Konzert gesehen. Freddie hatte auf der Bühne nur Tank Top, Jeans und Sneakers getragen. Ich musste aber genau die richtigen Teile finden. Adidas stellte Repliken der Turnschuhe her, die Jeans waren von Wrangler. Zum Glück fand ich in Amerika über einen Vintagehandel ein sehr ähnliches Exemplar.

Die Band Queen im Film Bohemian Rhapsody in Siebzigeroutfits. Alles sollte so authentisch wie möglich aussehen, sagt Kostümdesigner Julian Day.

Queen-Gitarrist Brian May war Koproduzent des Films. Das heißt, Sie waren bestens beraten.

Julien Day: Der Dreh begann für mich etwas unglücklich. Ich erstelle vor jedem Film ein Lookbook mit den Outfits jeder Figur. Am ersten Drehtag dachte ich, ich stelle mich gleich mal Brian May vor, um ihm die Entwürfe zu zeigen. Doch jede Idee kommentierte Brian mit einem skeptischen, langgezogenen ,Hmmmm’ (Julian Day imitiert Brian Mays abfallende Stimme, Anm. d.Red.). Als ich fertig war, sagte er: ,Wir haben nie irgendwas in der Art getragen.’ Ich dachte nur, das fängt nicht gut an. Brian erwies sich dann aber als sehr nett und hilfsbereit. Er lud mich zu sich nach Hause ein, wo wir seine Bühnengarderobe durchgingen. Er hat ein wunderbares Archiv, das auch Stücke von Freddie umfasst. Ich beherzigte dann alles, was Brian sagte. Mit einer Ausnahme: Er behauptete, niemals habe er auf Konzerten sein Hemd in die Hose gesteckt. Auf den Fernsehaufnahmen von Live Aid sieht man aber ganz deutlich, dass er sein Hemd durchgehend in der Hose trug. Ähnlich wie bei Niki Lauda hörte ich nicht in allem auf ihn.

Elton John soll begeistert von Ihren Ideen gewesen sein. Hatten Sie bei Rocketman mehr Gestaltungsfreiheit als bei Bohemian Rhapsody?

Julien Day: In gewisser Weise sind das sehr verschiedene Filme. Bei Bohemian Rhapsody ging es um exakte Reproduktion, bei Rocketman konnte ich meiner Phantasie freien Lauf lassen. Ich hatte Carte Blanche, zu tun, was ich wollte. Vorher lud mich Elton ein, sein riesiges Archiv in London zu sichten. Er verwahrt dort seine Bühnenoutfits, aber auch private Kleidung. Später kam er in mein Atelier, sah sich mein Konzept an und sagte: ,Großartig, weiter so!’ Er liebte alles, die Outfits, die Schuhe und die Sonnenbrillen. Der ganze Film begeisterte ihn.

Wo haben Sie die verrückten Brillen aufgetrieben?

Julien Day: Ungefähr 30 Brillen habe ich selbst designt und anfertigen lassen, etwa ebenso viele habe ich eingekauft.

Eine Produktion wie Rocketman ist in puncto modischer Ausstattung aufwendig. Wie viele Leute arbeiten in einer solchen Produktion an den Outfits?

Julien Day: Wir haben einen Nähraum mit spezialisierten Schneidern, Zuschneidern und Nähern. Je nach Größe der Produktion beschäftigt die Kostümabteilung 20 bis 50 Mitarbeiter. Bei Rocketman waren es 50, bei Rebecca 25.

Arbeiten Sie auch mit bekannten Modemarken zusammen?

Julien Day: Sogar oft. Für Rush erstellte ich die Entwürfe, Gucci produzierte die Endprodukte für die Rolle von James Hunt und dessen Frau, Salvatore Ferragamo stattete Niki Lauda und sein Team aus. Alles wird eigens für den Film angefertigt. Bei Rebecca arbeitete ich mit Chanel zusammen. Die Romanvorlage Daphne du Mauriers war eines der Lieblingsbücher Coco Chanels. Ich fand es daher überaus angemessen, Chanel zu wählen. In Rocketman ist darüber hinaus viel Schmuck von Chopard zu sehen.

Trophy Boy im Goldornat. Regisseur Ben Wheatley fand, dass der goldene Stoff die männliche Hauptfigur wie eine Oscar-Statuette aussehen lässt, wie eine Trophäe. Im Bild: Die Britin Lily James und der amerikanische Schauspieler Armie Hammer bei den Dreharbeiten in Südfrankreich.

In Rebecca trägt die männliche Hauptfigur, Maxim de Winter, anfangs einen beinah golden leuchtenden Anzug. Je unheimlicher die Atmosphäre im Film wird, desto dunkler werden die Outfits. Heißt das, Kleidung wird im Film auch als Verstärker für die Stimmung eingesetzt?

Julien Day: Absolut. Die Idee mit dem gelben Anzug hatte Ben, der Regisseur. Wir sahen uns Stoffmuster an und er mochte diesen goldenen Stoff. Er fand, darin sehe Maxim aus wie eine Oscar-Statuette, wie eine Trophäe. Dass die Farben sich verdüstern, war Teil des Konzepts. Am Anfang spielt die Handlung in Südfrankreich. Alles ist leicht und sommerlich. Liebe liegt in der Luft. Sobald das Paar auf Maxims englischem Landsitz Manderley ankommt, wird die Atmosphäre dunkler, geheimnisvoller, noir-esk. Die Kleidung reflektiert das.

Das rote Kleid Rebeccas, der auf mysteriöse Weise ums Leben gekommenen Frau des Schlossherrn, spielt im Film eine zentrale Rolle. Als Lily James auf einem Ball in einer Kopie dieses Kleids erscheint, das sie auf einem Gemälde gesehen hat, sorgt das für einen Skandal. Während Hitchcock das Gemälde eigens malen ließ, ist ihm Film ein bekanntes Meisterwerk zu sehen, John Singer Sargents Porträt der Mrs Hugh Hammersley (1892). Das Original hängt im New Yorker Metropolitan Museum. Was war zuerst da, das rote Kleid oder das Gemälde?

Julien Day: Zuerst sollte ich ein Kleid designen, für das ein Gemälde erstellt wird. Am Ende war das Gemälde zuerst da, und ich kreierte das passende Kleid. Aber das Gemälde von Singer Sargent passt hervorragend. Er war ein großartiger Künstler.

Der Film spielt in den 1930er Jahren. War dieses Jahrzehnt der wirtschaftlichen Depression, das mit einem Weltkrieg endete, stilistisch interessant? Die meisten kennen und bewundern ja eher der Look der Roaring Twenties.

Julien Day: Der Flapper-Look und der Bob der zwanziger Jahre prägten einen begrenzten Zeitraum, während man Elemente des Stils der 1930er Jahre in den 1970ern findet und bis heute in der Mode sieht. Die geraden Schnitte der 1920er waren für die Frauen nicht sehr schmeichelhaft. In den dreißiger Jahren wurden die Schnitte körperbetont, tailliert. Damals zog echte Freiheit in die Mode ein: Frauen trugen jetzt Hosen, und zwar mit schönen, weiten Schnitten. Die Jacketts der Männer bekamen den oft kopierten V-Schnitt, die Revers sind die gleichen, die man heute sieht. Der Stil der dreißiger Jahre war überaus innovativ. Auch technologisch machte die Mode in den 1930ern einen Sprung nach vorn.

Was halten Sie stilistisch von unserer Zeit?

Julien Day: Wir leben in einem Mash-up verschiedener Epochen. Die Mode hat etwas ihren Weg verloren.

Fänden Sie es toll, wenn die Leute heute noch so gekleidet wären wie in Rebecca?

Julien Day: Oh, das sind sie. Die Art, wie Lily James am Anfang des Films gekleidet ist, so was sieht man heute überall. Im Büro nebenan sind Leute so gekleidet. Die Mode in Rebecca ist ja auch eine aktualisierte Version der 1930er Jahre. Ich wollte den Stil der Epoche zugänglich machen für ein modernes Publikum.

Wie war es, mit Lily James zusammenzuarbeiten? Jeder kennt sie aus Downton Abbey und Mamma Mia.

Julien Day: Lily ist toll. Sie liebt Kleidung. Und sie ist sehr gut im Tragen von Kleidung. Das gilt aber auch für Kristin Scott-Thomas.

Eine echte Filmikone. Ich hätte sie beinah vergessen.

Julien Day: Wie kann man Kristin vergessen, eine der glamourösesten Frauen überhaupt?

Sind Filme noch Stiltrendsetter? So wie einst, als Audrey Hepburn mit Givenchy eine einzigartige Symbiose einging oder als Richard Gere mit seinen Anzügen in American Gigolo Giorgio Armani zum Durchbruch in den Vereinigten Staaten verhalf?

Julien Day: James Bond ist immer noch einflussreich. Da ist so ein Tom-Ford-Gefühl, das den Film durchzieht. Rodarte machte die Kleider für Black Swan. Ich denke, die Mode wird auch heute von Filmen beeinflusst.

Worum geht es in Ihrem nächsten Film?

Julien Day: Der Film heißt Catherine, called Birdy. Regisseurin ist Lena Dunham. Er spielt im Mittelalter. Für die Outfits orientiere ich mich aber auch am japanischen Stil der 1980er Jahre, Yoshi Yamamoto und Comme des Garçons.

Was sind Ihre persönlichen Lieblingsdesigner?

Julien Day: Aktuell mag ich die englische Marke Toogood – ich arbeite im nächsten Film mit ihr zusammen –, auch das französische Label Casey Casey ist sehr interessant. Und ich bin ein Fan des Franzosen Christophe Lemaire. Allerdings sind seine Schnitte etwas schmal für mich. Dior und Chanel finde ich an Frauen toll.

Wie würden Sie Ihren eigenen Stil beschreiben?

Julien Day: Ich vermute, ich sehe aus wie ein Priester aus dem mittleren Westen, der Pale Rider (lacht). Oder wie ein Puritaner.

Woher kommt Ihr Faible für Hüte?

Julien Day: Man ist nie richtig gekleidet ohne Hut. Irgendjemand sagte das.

Wie nennt man das Exemplar, das Sie gerade tragen?

Julien Day: Das ist ein Reservation Hat (ein Huttypus, der seinen Ursprung im 19. Jahrhundert bei den Indianern Nordamerikas hat, Anm. d. Red.).

Haben Sie für Ihre Hüte einen Lieblingsdesigner?

Julien Day: Ich lasse sie mir meistens in New York anfertigen, bei Worth & Worth. Der Hut, den ich trage, stammt von Marcel Rodrigues, einem phantastischen Designer aus Devonshire.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

© Holger Christmann

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