Architektur

„In Asien gibt es den Willen,
für die Zukunft zu bauen“

Zum ersten Mal traf Holger Christmann den Architekten Ole Scheeren 2011 in Peking. Damals stand sein spektakulärer CCTV-Tower kurz vor der Fertigstellung. Elf Jahre, viele aufsehenerregende Bauten und Architekturpreise später wird Scheerens Werk jetzt in einer Ausstellung im Karlsruher ZKM gewürdigt. Die Frage ist: Warum wird einer der maßgeblichen Architekten unsere Zeit in Asien und jetzt auch in Nordamerika gefeiert, nur in Deutschland ist seine Architektur nicht vertreten? Im Interview mit FEATURE spricht Scheeren über Asiens Lust auf Innovation, die konservative Baukultur in Deutschland und über seine revolutionären Hochhausprojekte zwischen Singapur und Vancouver.

VON HOLGER CHRISTMANN
30. Dezember 2022
Ole Scheeren ist einer der innovativsten Architekten unserer Zeit. Foto: Felix Grünschloss

Wenn man Menschen in Deutschland fragen würde, welche zeitgenössische Architektur sie beeindruckt, würden sie vermutlich die Elbphilharmonie oder die Allianz-Arena nennen, beide entworfen vom Schweizer Architektenduo Herzog & de Meuron. Viele kennen Frank Gehrys skulpturales Titangebirge des Guggenheim Museums Bilbao oder Santiago Calatravas von Vogelschwingen inspirierte Brücken, Flughäfen und U-Bahnhöfe. Würde man dieselbe Frage in Asien stellen, würde gewiss der Namen Ole Scheeren fallen. Der gebürtige Deutsche ist ein Stararchitekt, der seine eindrucksvollsten Spuren bisher auf dem asiatischen Kontinent hinterlassen hat. 

Erstmals von sich reden machte der Mann mit dem Renaissancegesicht, wie ihn der Kritiker Dieter Bartetzko treffend beschrieb, als Partner von Rem Koolhaas‘ Büro OMA. Im Jahr 2000 entwarf er für OMA in New York mit dem Prada Epicenter einen neuartigen Flagship Store, der das Shopping-Erlebnis mit einer wellenförmigen Arena für Mode- und Kulturevents verband. Später leitete der Jungstar, nun für das Asiengeschäft von OMA verantwortlich, den Bau des berühmten CCTV Towers in Peking. Die werdende Zentrale des chinesischen Staatsfernsehens wurde zu den Olympischen Sommerspielen 2009 das futuristische Symbol des aufstrebenden Chinas.

Das loopförmige CCTV-Gebäude in Peking, Zentrale des größten chinesischen Fernsehsenders, machte Scheeren – damals noch Asienverantwortlicher des Rotterdamer Architekturbüros OMA – international bekannt. Foto: Iwan Baan

Ole Scheerens Idee war es, bei den 10.000 Beschäftigten des Fernsehzentrums ein Bewusstsein für das Zusammenwirken der vielen Abteilungen zu wecken. Daher plante er keinen klassischen Wolkenkratzer, bei dem die Abteilungen auf getrennten Etagen arbeiten und sich Mitarbeiter oft nur im Aufzug begegnen. Er bog stattdessen ein imaginäres Hochhaus in sich selbst zurück und führte ihre beiden Enden zusammen. Das Ergebnis waren zwei abgeschrägte Türme, die nahtlos miteinander verbunden waren. Das gigantische Gebäude, das zweitgrößte der Welt nach dem Pentagon, symbolisierte einen Kreislauf, in dem es auf die Zusammenarbeit der Abteilungen ankommt. Auch beim Wohnkomplex The Interlace (deutsch: „Die Verflechtung“ ) in Singapur, 2013 eröffnet, verwandelte Ole Scheeren vertikale Isolation in horizontale Konnektivität, indem er 31 Apartment-Blocks, alle sechs Stockwerke hoch, in einem Sechseck um acht Höfe herum gruppierte und so übereinanderstapelte und miteinander verwob, dass jetzt das Flachdach des einen Blocks als begrünte Terrasse des auf ihm ruhenden Blocks dient. Bewohner von The Interlace beschreiben die Anlage als „Dorf in der großen Stadt“ und loben die vielfältigen Erfahrungswelten des Komplexes zwischen Intimität, Gemeinschaft und Freizeitanlagen, etwa mehreren Pools, die von den Bewohnern genutzt werden. Der CCTV Tower und The Interlace beförderten Ole Scheeren in die Top-Liga der Weltarchitektur.

Scheerens Gebäude
bieten emotional
neue Erfahrungen

Was macht Ole Scheeren anders als andere Vertreter seines Fachs? Wenn der 51-Jährige seine Philosophie beschreibt, dann wählt er gern die Formel „Form follows Fiction“ – eine Variation von „Form follows Function“, dem Credo der Moderne. Gebäude und Räume haben immer auch eine emotionale Wirkung auf jene, die sie sehen und bewohnen. Scheeren versucht mit seinen Gebäuden, auf die emotionalen und die praktischen Bedürfnisse der Bewohner einzugehen. „Wir überlegen zuerst, welche Erfahrungen und Emotionen ein Gebäude den Menschen, die dort wohnen oder arbeiten, ermöglichen sollte.“ Beispiel: MahaNakhon in Bangkok. Der 77 Stockwerke hohe Wolkenkratzer, der höchste in der tropischen Megalopolis, beherbergt 200 Luxusapartments, ein Hotel mit 150 Zimmern, Restaurants und Geschäfte und, wie so oft in Bangkok, eine öffentlich zugängliche Dachterrasse. Doch etwas ist ganz anders als an jedem anderen Hochhaus. Von weitem sieht der schlanke Turm aus, als seien auf halber Höhe und unterhalb der Spitze große Teile der glatten Fassade herausgebrochen. Doch was nach Zerstörung aussieht – Scheeren nennt es Verpixelung – , ist in Wahrheit ein Schöpfungsakt. Die aufgerissenen Geschosse beherbergen die luxuriösesten Apartments des Turms. Sie sind zurückversetzt, mit gläsernen Skyboxen, kleineren und größeren Terrassen und Swimming Pool ausgestattet. Durch das Aufbrechen der gesichtslosen Hochhausfassade macht der Architekt individuelle Wohnsituationen auch für die Außenwelt erkennbar – ein Novum in der Hochhausarchitektur. In Vancouver schuf Ole Scheeren mit dem Tower Fifteen by Fifteen sein erstes Gebäude in Nordamerika. Auch hier treten luxuriös designte Apartments aus der Fassade hervor, bieten dank Terrassen und Skyboxen herrliche Ausblicke auf Bucht und Berge und stellen die Verbindung zur Umgebung her.

Verknüpfung statt Abgrenzung: Ole Scheerens Komplex The Interlace in Singapur. Foto: Iwan Baan

Wer Scheerens Bauten sieht, fragt sich unweigerlich: Warum gibt es seine visionäre Architekt nicht in Deutschland? Warum baut der interessanteste deutsche Architekt unserer Zeit bislang nicht in seinem Herkunftsland? In Frankfurt soll am Mainufer sein Riverpark Tower entstehen. Dafür verwandelt Scheerens Entwurf das ehemalige Hochhaus der Union lnvestment in einen spektakulären Wohnturm mit Eigentumswohnungen und Boardinghouse. Trotz jahrelanger Planung ist aber noch nicht einmal mit dem Bau begonnen worden. Ist Scheerens Wahrnehmung hierzulande ein weiteres Beispiel für den Stillstand im Land? Immerhin widmet das Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Scheerens Geburtsstadt Karlsruhe dem erfolgreichen Sohn der Stadt jetzt eine große Ausstellung. Im Interview mit FEATURE spricht Scheeren über Asiens Lust auf Innovation, das deutsche Festklammern am Bewährten, und er schildert seine revolutionären Hochhausprojekte zwischen Singapur und Vancouver.

FEATURE: Am besten stellt man Sie vor, wenn man weiß, wo und was Sie gerade bauen. 

Ole Scheeren: Am weitesten gediehen sind zwei Twin Towers in Shanghai. Sie sind 285 und 265 Meter hoch. In Xiang verwirkliche ich ein urbanes, ziemlich radikales Hotelkonzept mit der Hyatt-Group. In Shenzhen entstehen die Firmenzentralen von zwei der großen Tech-Firmen Chinas: die Shenzhen Wave für ZTE und das Headquarter von Tencent. Das eine Gebäude hat eine Geschossfläche, die so groß ist wie eineinhalb Fußballfelder. In Vancouver bauen wir den Wohn-Tower Fifteen by Fifteen, in Ho-Chi-Minh-Stadt das Ensemble Empire City. Auf den Philippinen haben wir ein kleines Boutique-Hotel entworfen. In Sanya an der Südspitze der südchinesischen Insel Hainan errichten wir einen Hotelkomplex direkt am Ozean. Wir haben gerade wirklich viel zu tun.

FEATURE: Ein Artikel beschrieb Sie als rastlosen Menschen, der Großprojekte auf mehreren Kontinenten gleichzeitig managt. Sind Sie immer noch so viel unterwegs?

Ole Scheeren: Nicht mehr so wie vor drei bis vier Jahren, aber immer noch sehr viel. Schon viele Jahre vor der Pandemie hatte ich keinen festen Standort mehr.

FEATURE: Sie sind vor allem in China sehr bekannt, ihr CCTV Tower in Peking ist für viele Chinesen eine Ikone. Nur: Dort hinzukommen, war jüngst aufgrund der Null-Covid-Politik schwierig. Waren Sie in letzter Zeit dort?

Ole Scheeren: In China bin ich dank der schwierigen Reise- und Quarantänebedingungen in den letzten Jahren sehr wenig gewesen. Ich war gerade dort, als die Covid-Pandemie ausbrach. Als ich nach Europa kam, gingen auch hier die Länder in den Lockdown. In den folgenden Monaten bewährte sich zum Glück das System, das ich aufgebaut hatte – Büros an unterschiedlichen Standorten zu haben, die aber als Einheit funktionieren. Je nachdem, wo es gerade einfacher war, zu arbeiten, konnten wir Aufgaben dorthin verlagern. So konnte sich die Büros gegenseitig unterstützen. Das hat uns ungeheuer gut durch die Pandemie gebracht.

Heute akzeptieren alle, dass man nicht mehr für jedes größere Gespräch um die Welt fahren muss. Das ist ökonomischer und umweltverträglicher. Wobei ich es immer noch mehr schätze, zusammen an einem Tisch zu sitzen.

„Am Ende
stellt sich die Frage:
Wie wollen wir leben?“

FEATURE: Sie sind auch jetzt in Asien sehr beschäftigt. Ist Asien mit seinen verdichteten Metropolen und ihrem intensiven urbanen Lebensgefühl ein Traum für jeden Architekten? 

Ole Scheeren: Für mich war Asien nie eine Frage des Traums, sondern der Realitäten. Asien bietet einen Kontext, der bestimmte Dinge notwendig und möglich gemacht hat, weil die Bauaufgaben nicht mit traditionellen Mitteln zu beantworten waren. Als ich anfing, dort zu arbeiten, gab es eine starke Zuwanderung in die Städte und einen enormen Wirtschaftsboom. Beides vollzog sich in einer Geschwindigkeit, die neue Modelle der Urbanität und der Architektur erforderte. Natürlich ist es eine interessante Aufgabe für einen Architekten, sich darüber Gedanken zu machen, wie die Zukunft vielleicht anders aussehen konnte.

FEATURE: Sind die Bauherrn in Fernost offener für neue, originelle Ideen? 

Ole Scheeren: Wenn man in Singapur baut, ist die Quadratmeterzahl, die man auf einem Grundstück bebauen kann, festgeschrieben. Aber es gibt Anreize, Dinge darüber hinaus zu tun, etwa wenn es auf Kommunalität ankommt, auf Orte, wo man anderen Leuten begegnet.  Das ist anders als in Ländern, wo es darauf ankommt, mit möglichst wenigen Kunstgriffen die Geschosszahl zu maximieren. In der Architektur geht es zwar um Effizienz, aber wir haben auch eine soziale Verantwortung. Am Ende stellt sich die Frage: Wie wollen wir leben? Und welchen Beitrag kann Architektur zu unserem Leben leisten?

FEATURE: Braucht man für visionäre Architektur wie die Ihre große Budgets? 

Ole Scheeren: Wir haben The Interlace in Singapur in einem Kostenrahmen realisiert, der unterhalb des durchschnittlichen Wohnungspreises lag. Hier kann sich eine junge Familie, die vielleicht an der Hochschule unterrichtet und zwei Kinder hat, mit einem durchschnittlichen Einkommen eine Wohnung leisten. 

Beim MahaNakhon in Bangkok öffnete Ole Scheeren die anonyme Hochhausfassade und legte damit individuelle Wohnsituationen offen. Foto: Wison Tungthunya

FEATURE: Sie sagen, Ihre Architektur folge Fiktionen. Wie hat man sich das vorzustellen? 

Ole Scheeren: Die Frage, die ich mir stelle, lautet: Muss Architektur immer funktional sein? Sollten wir nicht auch darüber nachdenken, welche Möglichkeiten Architektur schaffen kann? Welche fiktionale Kapazität Gebäude besitzen? Wie wollen wir uns unsere Leben in diesen Gebäuden vorstellen: die Dinge, die dort stattfinden, die emotionalen Qualitäten der Räume? Das ist ungeheuer wichtig, um eine echte Lebensqualität zu schaffen. Daraus entwickeln sich Ansätze, Bautypen wie das Hochhaus neu zu denken.

FEATURE: Das Projekt, mit dem Sie weltbekannt wurden, war der CCTV-Tower in Peking. Die abgeschrägten L-förmigen Türme, die sich zu einem Kreislauf verbinden, sind zum Wahrzeichen des modernen Chinas geworden. Wie kamen Sie auf die Idee? 

Ole Scheeren: Wir haben uns angesehen, wie die Organisation des Gebäudes funktioniert. Die typische Bauformel einer Medienorganisation ist der Campus. Oft genug sind die Büros in der Stadt verteilt, so dass sich eine unglaubliche Zergliederung der Arbeitsprozesse ergibt. Die Leute wissen dann oft nicht, wer in ihrem Unternehmen noch so alles arbeitet und wie alle Abteilungen voneinander abhängen. Es war sowohl vom Ablauf der Arbeit als auch von den sozialen Konsequenzen her interessant, diese Arbeitsprozesse zusammenzubringen und einen Kreislauf der Kooperation in Gang zu setzen. Wir entwarfen keine Einbahnstraße in den Himmel, sondern nahmen die Nadel des Hochhauses und bogen sie in sich selbst zurück. Wir schufen eine Schlaufe miteinander verbundener Teile und stellten damit eine Zirkulation der Funktionalität, aber natürlich auch der sozialen Verbindung innerhalb des Gebäudes her. 

FEATURE: Verfolgen Sie nach der Eröffnung eines Gebäudes, wie es sich in der Praxis bewährt?

Ole Scheeren: Das ist ja das Interessante an unserer Arbeit, die Gebäude in der Realität zu sehen. Dafür werden sie gebaut. Wir übergeben sie dem Leben. Bei The Interlace in Singapur war der Gedanke: Wie können wir eine Wohnanlage schaffen, die hochverdichtetes Leben in der Stadt auf eine ganz andere Art definiert, nicht in isolierten Türmen, sondern als miteinander verwobene Gemeinschaftsstruktur. Uns ging es darum, die Privatheit der einzelnen Wohnungen zu erhöhen, denn die Distanz zwischen den gegenüberliegenden Gebäuden ist in diesem Fall sehr viel größer als es bei Türmen der Fall gewesen wäre. Auf der einen Seite haben wir die Qualität der Privatsphäre erhöht, wir haben aber auch Kommunalität geschaffen, Orte für das Zusammensein. Das Projekt ist eine Staffelung unterschiedlicher Zonen, die vom sehr gemeinschaftlichen zum halb-gemeinschaftlichen und halb-privaten ins ganz Private übergehen. Dadurch hat man die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wie man gerade an der Gemeinschaft teilnehmen will, ob man alleine sein will oder nicht. Solche Möglichkeiten zu schaffen, darum geht es uns. Außerdem haben wir uns gefragt: Wie können wir Naturräume als Teil der Architektur gestalten, nicht als dekoratives Element, sondern als integrativen Teil des Gebäudes:  So haben wir in The Interlace Natur und Landschaft integriert.

Neudefinition des Luxusapartments: Ole Scherens Fifteen by Fifteen in Vancouver: Binyan Studio

FEATURE: Die Natur spielt in Ihren Entwürfen eine große Rolle. Sie verpflanzen ganze Parks in die oberen Etagen von Hochhäusern.

Ole Scheeren: Natur ist keine Formel, die immer richtig ist. Architektur ist spezifischer als eine Lösung. Es gibt nicht ein Problem, das man gelöst hat, und alles wird gut. So banal ist Architektur nicht. Allerdings ist es eine für mich wichtige Frage, schon in den letzten 20 Jahren, wie wir urbanen, menschlich definierten Raum mit dem Raum der Natur vereinen und vielleicht eine neue Einheit aus Stadt und Landschaft schaffen können.

FEATURE: In Ho-Chi-Minh-Stadt legen Sie an der Spitze eines Turms einen Sky Forest an. Der Turm ist Teil von Empire City, drei Wolkenkratzern, von denen der größte 88 Stockwerke in die Höhe ragen soll. Auch hier wieder die integrierte Natur.

Ole Scheeren: Asien hat eine sehr große Stadtbewegung vollzogen, damit mussten viele neue Stadtteile und ganze Städte neu gebaut werden. Diese Phase ist noch nicht am Ende. In Ho-Chi-Minh-Stadt wird das zentrale Viertel am Ostufer des Flusses entwickelt. Wir sind beauftragt worden, das neue Zentrum dieses Stadtteils zu konzipieren, mit einem 400 Meter hohen Turm, kommunalen, öffentlichen Grünanlagen und einem sozialen Umfeld, das zugleich einen Raum für die Bewohner der Stadt schafft. Wir wollten nicht einfach einen Turm bauen, sondern haben einen Teil der Natur dem Uferbogen entrissen und in 300 Metern Höhe in den Turm hineingesetzt. Mit dem Sky Forest haben wir zudem in großer Höhe öffentlichen Raum geschaffen.

„Wir müssen uns fragen:
Welche Werte
können wir schaffen?“

FEATURE: Warum ist es so wichtig, Verbindungen zwischen Gebäude und Stadt, zwischen privatem und öffentlichem Raum zu schaffen?

Ole Scheeren: Es ist wichtig, dass wir nicht nur die Horizontale der Stadt, sondern auch die Vertikale der Türme einschließen und Räume schaffen, die über das Privatkapital hinaus einer Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. Damit können Wertigkeiten für ein Projekt erzeugt werden, die auch ihre Rentabilität erhöhen. Wenn man genau darüber nachdenkt, ist ein Projekt nicht einfach eine Frage von Kosten. Es ist das Verhältnis von Kosten und Wertschöpfung. Welche Werte können wir schaffen, und was sind sie wert? Was muss man investieren, um sie zu erzielen? Wenn man sich nur hinstellt und sagt: Hier ist ein Kostenrahmen und in den passt nur eine Box rein, in der man 54-mal den gleichen Geschossplan wiederholt, dann ist das eine unintelligente Antwort auf die Aufgabenstellung. 

FEATURE: Was war die Grundidee beim MahaNakhon, das dank seiner Höhe und seiner speziellen Fassade auch in der imposanten Skyline der thailändischen Metropole auffällt?

Ole Scheeren: Wir haben eine pixelartige Helix um das Gebäude herumlegt. Sie stellt eine Verbindung von Innen und Außen her. Man kann plötzlich in der 70. Etage eine 30-Quadratmeter-Terrasse haben, was in normalen Türmen nicht möglich ist. Es ging auch darum, die maßstablose Großform des Turms aufzulösen und den Maßstab der menschlichen Behausung darzustellen. Das Leben im Turm wird nicht in einer abstrakten Hülle absorbiert, sondern ist auch außen von der Stadt aus zu erkennen. Dadurch wird der Turm mit der Stadt verbunden.

Wer in The Interlace in Singapur wohnt, kann jederzeit selbst entscheiden, ob er Privatheit sucht oder sich mit den Nachbarn an einem der Pools sonnen möchte. Foto: Iwan Baan

FEATURE: Ist das der neue Luxus, in großer Höhe ein Apartment mit Terrasse zu besitzen? Die Wohnungen, die sich nach draußen öffnen, sind bestimmt die teuersten? 

Ole Scheeren: Das sind natürlich die attraktivsten und begehrtesten. Wir haben Werte in Zonen eines Turmes geschaffen, die solche Werte gewöhnlich nicht haben. Dank dieser Wertschöpfung konnten wir höhere Budgets in Anspruch nehmen. Am Ende muss sich alles ökonomisch darstellen lassen.

FEATURE: Sie stellen gewohnte Bautypen infrage, vor allem den klassischen Wolkenkratzer. Wo lernt man das, so grundsätzlich über Architektur nachzudenken, dass man auch Bautypten hinterfragt. Spielte da Ihr Mentor Rem Koolhaas eine Rolle, in dessen Büro OMA Sie Partner waren? 

Ole Scheeren: Der Hauptgrund, warum ich zu OMA gegangen bin, war die Tatsache, dass sich dieses Büro mit gesellschaftlichen Fragen beschäftigt. Es entwickeln sich dort aber eigene Prioritäten. Das Büro hatte sich zum Beispiel sehr auf öffentliche Gebäude fokussiert und fast gar keinen Wohnungsbau gemacht. Ich habe gesagt, ich finde es wichtig, dass wir uns nicht nur auf ganz bestimmte Gebäudetypen konzentrieren. Wenn man ein Museum baut, kann man natürlich glänzen. Aber wer kümmert sich darum, die problematische Masse der Architektur weiterzuentwickeln? Das war sehr stark meine eigene Ambition, die ich in den letzten zehn Jahren weiterverfolgt habe. 

„Ob die deutsche Haltung
etwas mit Zukunft zu tun hat,
werden wir sehen“

FEATURE: In Asien scheint man Sie besser zu verstehen. Es gibt ein Foto von Ihnen von der Präsentation des Empire-City-Projekts in Ho Chi Min Stadt. Sie sitzen mit dunkler Sonnenbrille vor einem deutschen Fähnchen, die Bauherrn vor einem vietnamesischen. Wenn man bedenkt, dass Sie mehr Zeit draußen in der Welt verbracht haben als in Deutschland und dass Ihre Ideen international besser verstanden werden als hierzulande, sehen Sie sich da als Vertreter Deutschlands oder eines deutschen Architekturstils? 

Ole Scheeren: Natürlich bin ich in Deutschland geboren und aufgewachsen, habe dann aber meine Karriere in anderen Ländern vollzogen. In diesem Sinne sehe ich mich nicht als deutschen, sondern als geographisch übergreifenden Architekten. Ohnehin interessiert mich die Verbindung der Kulturen, das Verständnis der Kulturen und Kontinente, die internationale Zusammenarbeit. Trotz einer Weltsituation, die sich nicht einfach entwickelt hat, was die positive Verknüpfung aller Teile miteinander angeht, glaube ich immer noch an die ungeheuren Potentiale, die darin liegen, wenn wir zusammen denken, arbeiten und leben. Das ist etwas, das ich in meinem eigenen Leben vollzogen habe. Ich habe in zehn unterschiedlichen Ländern gelebt und gearbeitet. In den letzten eineinhalb Jahrzehnten war ich genug unterwegs, um ein aktiv verbindendes Element dieser Teile zu sein. Das ist etwas sehr Wichtiges. Ich glaube, dass unsere Architektur nicht ein Ausdruck vom Verschanzen in einem kleinen Umfeld ist, sondern widerspiegelt, dass wir über die Grenzen hinausdenken.

FEATURE: Apropos Verschanzen: Wenn Sie Asien mit Deutschland vergleichen, finden Sie Ihr Herkunftsland da in Sachen Architektur nicht mutlos und konventionell?

Ole Scheeren: Es ist die Frage, warum in Deutschland Architektur in einer formelhaften Verhaltenheit verharrt. Diese Frage trage ich schon seit langem in mir, schon seit den 1990er Jahren, als die Stadt Berlin beschloss, sich baupolitisch auf eine konservative Position zu stellen, der es mehr um die Bewahrung alter Strukturen ging als um das Neu-Denken. Das Ganze ist kombiniert mit einem Rückzug in das sichere Feld der Technik, denn die ist ja nicht angreifbar. Technik ist so neutral, dass sie nicht kulturell bewertet werden müsste. So kommt es, dass plötzlich 80 Prozent aller Neubauten in Deutschland vertikale Schlitzfenster haben, und dann scheint es auch keine anderen Antworten mehr zu geben. So sieht dann das neue Deutschland aus. Ob diese Haltung etwas mit der Zukunft zu tun hat, werden wir noch sehen. Am Ende muss sich jedes Land, jeder Bauherr die Frage stellen: Will man etwas? In Asien ist die Antwort: Wir wollen etwas. Man verschanzt sich nicht, sondern fragt sich: Was können wir machen für unsere Zukunft? Man hat Lust, für die Zukunft zu bauen. Es ist alles eine Frage der Ziele und des Willens.

Beim Riverpark Tower in Frankfurt am Main verwirklicht Ole Scheeren seine Grundideen erstmals auch in Deutschland. Doch noch lässt der Baubeginn auf sich warten. Foto: Büro Ole Scheeren

FEATURE: In Frankfurt am Main bekommen Sie jetzt aber endlich die Chance, in Deutschland zu bauen. Am Mainufer soll Ihr fast 100 Meter hoher Riverpark Tower entstehen.  Sie versprechen die Transparenz und Offenheit einer dynamisch geschichteten, skulpturalen Architektur, die in starkem Kontrast zu den „stummen Bürotürmen dieser deutschen Stadt“ stünden, wie Sie es ausdrücken. Was machen Sie hier anders? 

Ole Scheeren: Es ist ein sehr interessantes Projekt, weil wir ja nicht einen Vorschlag für eine Neubau gemacht haben, sondern mit der Umnutzung einer bestehenden Substanz arbeiten. Ich wollte zeigen, dass es möglich ist, auch auf diese Art etwas Grandioses zu machen. Und zwar nicht, indem man auf die bestehende Fassade eine neue Außenhaut klebt. Wir haben versucht, die Qualitäten eines heute auch nicht mehr so einfach zu realisierenden Bürobaus mit großen Betonpfeilern an den Ecken, freitragenden Decken und einem ungewöhnlichen Gebäudekern zu erhalten. Wir haben das Gebäude so umstrukturiert, dass die Substanz erhalten werden kann. Dadurch sparten wir Rohstoffe. Zugleich haben wir nicht passiv in diese Substanz eingegriffen, sondern aktiv, das heißt wir haben den Gebäudekern umstrukturiert und damit ungeheuer viel extra Quadratmeter und extra Wohnflächen gewonnen. Das ist wirtschaftlich sinnvoll, aber auch ein positives Beispiel dafür, was man aus so einer Substanz herausholen kann. In diesem Sinne ist es ein sehr schönes Beispiel dafür, dass wir als Büro in der Lage sind, nicht nur im Kontext des radikalen Neubaus, sondern in bestehenden Strukturen zu denken und zu arbeiten. 

FEATURE: Mancher wird im Vorbeigehen staunen und sich fragen, warum es nicht mehr Gebäude von Ihnen in Deutschland gibt. 

Ole Scheeren: Es wäre schön, wenn sich mehr Gelegenheiten ergeben, in Deutschland zu bauen. Es gibt eine gewisse Angst, wenn unsere Gebäude angeschaut werden. Sie haben große Dimensionen. Viele glauben, so etwas könne man hier nicht bauen. So etwas würden wir hier aber auch nicht machen. Aber das heißt ja nicht, dass man mit unserer Methodik und unserer intelligenten Prozesse nicht auch ganz andere Aufgaben lösen könnte. Dafür ist der Riverpark Tower ein gutes Beispiel. 

„In Asien ist Klimatisierung
unentbehrlich. Die können Sie
nicht einfach weglassen“

FEATURE: Sie haben auch kleine, experimentelle Projekte verwirklicht. Für das Filmfestival von Yao Noi in der thailändischen Phang-Nga-Bucht konstruierten Sie ein schwimmendes Kino.

Ole Scheeren: Ich liebe das Kino. Freunde von mir hatten an einem landschaftlich unglaublichen kraftvollen Ort ein Filmfestival gestartet. Dann hab ich gesagt, lass uns doch die Filme nicht am Strand schauen, lasst uns auf den Ozean gehen. Ich zog los und habe die dort lebenden Fischer getroffen. Von ihnen habe ich mir die Technik abgeschaut, mit der sie ihre Fisch- und Hummerfarmen betreiben. Daraus wurde ein schwimmendes Kino, das Archipelago Cinema. Wir arbeiteten mit wiederverwendeten Materialien wie Styropor und Holzplanken. Zusammengeknotet wurde die Insel mit Gummistreifen. Die Fischer nutzen die Plattform jetzt für ihre eigenen Veranstaltungen. 

FEATURE: Die Welt ist im Wandel. Klimawandel und Nachhaltigkeit sind riesige Themen. Wie passt dazu ein anderer Trend, die anhaltende Rekordejagd auf der Arabischen Halbinsel? Nach dem Burj Khalifa in Dubai ist in Saudi-Arabien der Djeddah Tower im Bau, der einen Kilometer hoch aufragen soll, wenngleich mit extrem langer Nadel auf der Spitze. Schon beim Burj Khalifa ist ein energieintensives Hydrauliksystem nötig, um auch die obersten Stockwerke mit Wasser zu versorgen. Ist so ein Ressourcenverbrauch noch zeitgemäß? 

Ole Scheeren: Die Menschheit wird sich nie davon lösen, bestimmte Superlative aufzustellen oder Grenzen zu brechen. Wir können auch infrage stellen, warum jemand auf den Mond oder auf den Mars fliegen muss. Hat es eine vernünftige Energiebilanz, wenn jemand auf einem anderen Planeten landet? Man kann auf dieser Ebene den technischen Fortschritt infrage stellen, gleichzeitig bleibt es faszinierend, die Grenzen des bisher Erreichten zu sprengen. Dass das keine Antwort für unsere Welt ist, ist vielleicht auch klar. Mich persönlich interessiert fundamental nicht die Frage, wie wir dieser Welt entkommen, sondern wie wir positive Optionen schaffen.

Das schwimmende Archipelago Cinema im Süden Thailands. Ole Scheeren entwarf es für das Festival Film on the Rocks Yao Noi, das von Tilda Swinton kuratiert wird. Foto: Piyatat Hemmatat

FEATURE: Ein Großteil der Welt erlebt gerade eine Energiekrise. Hat sie Auswirkungen auf die Architektur? 

Ole Scheeren: Die Bewegung der Güter ist nicht mehr so einfach wie das noch vor einigen Jahren der Fall war. Auch die Energiepreise spielen eine Rolle. Einiges wird langfristige Auswirkungen haben, weil Dinge umgedacht werden müssen, weil wir merken, dass die Abhängigkeit von Systemen, auf die wir uns alle zu lange verlassen haben und die keiner genug hinterfragt hat, plötzlich zu einem Problem werden können. Wir müssen in diesem Sinne viel strategischer und intelligenter mit der Bewegung von Gütern umgehen. Ich habe das schon vor langer Zeit gemacht. 

FEATURE: Wann war das? 

Ole Scheeren: Beim Bau des CCTV Tower war es nicht einfach, Dinge ins Land zu bringen. Das war noch die Anfangszeit von Chinas Boom. Wir entschieden uns, nur chinesischen Stahl zu verwenden. Auch beim Innenausbau legten wir den Fokus auf Materialien, die in China zur Verfügung standen. Es war eine interessante kulturelle Aufgabe, daraus eine Ästhetik und ein Design zu entwickeln. Solche Aspekte werden wichtiger werden. Doch wenn es um die Bewertung der Energiebilanz von Gebäuden geht, stehen wir noch ganz am Anfang der Diskussion. Dabei kann man ökonomische Realitäten nicht ausblenden, denn sie walzen am Ende alles nieder. Es gibt auch nicht die eine Antwort, die überall passt. In Asien ist Klimatisierung unentbehrlich. Die können sie nicht einfach weglassen, auch wenn Air Conditioning mehr Energie verbraucht als Heizen. In Idealvorstellungen können sie vieles diskutieren, aber die Realität unserer Welt umgibt uns. 

„Bauen bleibt ein
hartes Business“

FEATURE: Ein anderes Thema: Vor der Fußball-WM in Qatar hagelte es in Deutschland heftige Vorwürfe gegen Qatar wegen Arbeitern, die beim Bau der WM-Stadien zu Tode gekommen waren. Wie blicken Sie als international gefragter Architekt auf diese Debatte? 

Ole Scheeren: Das ist ein wichtiges, aber auch ein kompliziertes Thema. Vor 20 Jahren standen in China ähnliche Fragen an, als wir mit dem Bau von CCTV begonnen haben. Aber auf den Baustellen ist kein Unfall passiert, bei dem Menschen umgekommen wären. Es gab strenge Sicherheitsvorkehrungen. Das Ganze war faszinierend gut organisiert, vor allem für die Größe und Komplexität des Unterfangens. Natürlich waren die Bedingungen der Bauarbeiter, auch was Löhne angeht, Welten entfernt von denen im Westen. Doch vieles war positiver als in Deutschland. Ich habe als Teenager auf deutschen Baustellen gearbeitet und kenne die Realität dort. Die Aggressivität, die ich auf den deutschen Baustellen erlebt habe, gab es dort nicht. In Peking gab einen Stolz der Arbeiter, an der Zukunft ihres Landes mitzuarbeiten. Ihr Elan hat mich fasziniert. Vielleicht war er es diese Begeisterung der Menschen, die China eine ungeheure Kraft verliehen hat. Es folgt nicht alles, wie im Westen berichtet, einem reinen Top-Down-System, wo alles erzwungen wird. Es gab eine Energie des Volkes, das vorankommen wollte. Diese Kraft hat die ungeheuer schnelle Entwicklung Chinas erst ermöglicht.

FEATURE: Sie sprechen in der Vergangenheit …

Ole Scheeren: Heute sind die Löhne sehr viel höher. Sie haben sich ja bezogen auf eine Situation, in der es für die Arbeiter ungeheuer problematisch ist. Deshalb bin ich in die Vergangenheit gegangen. Man darf aber auch nicht vergessen: Bauen bleibt ein hartes Business. 

Ole Scheerens Hochhauskomplex „Duo“ in Singapur – erstes architektonisches Gemeinschaftsprojekt der Regierungen Singapurs und Malaysias – wurde mit dem Preis für das weltweit beste Urban-Habitat-Einzelprojekt des Jahres ausgezeichnet. Die konkaven Gebäude mit bepflanzten Dächern sind so ausgerichtet, dass Windströme in dem subtropischen Klima für Kühlung in den Außenbereichen sorgen. Foto: Iwan Baan

FEATURE: Durch Chinas Null-Covid-Politik hat sich das Wachstum des chinesischen Marktes verlangsamt. Spüren Sie das? 

Ole Scheeren: Die Verlangsamung des chinesischen Marktes hat uns nicht betroffen, was vielleicht daran liegt, dass wir nicht so stark für den Massenmarkt arbeiten. Die Leute, die zu uns kommen, haben besondere Aufgaben oder wollen Prototypen entwickeln. Dieser Markt ist nicht kritisch geschrumpft. Natürlich betrifft die Veränderung der Welt alle. Es gibt eine Form des Rückzugs, Systeme, die sich voneinander abgrenzen, abschotten, und die viele  Verknüpfungen rückgängig machen. Das erleben wir in der ganzen Welt. Das hat Auswirkungen. 

Ich glaube aber weiter daran, dass die Zusammenarbeit und das Offensein die beste Grundlage für die Menschheit und die Architektur sind. Ein Grund, warum wir in China keinen Einbruch erleben, ist auch, dass wir keine Opportunisten sind, die gekommen sind, weil es woanders schlecht läuft. Wir fühlen uns China verpflichtet, wir sind seit langer Zeit Teil der Realität Chinas. Wir nehmen unsere Verbindung zu den Orten, an denen wir bauen, ernst. Und wir sind in einer sehr guten Position, denn wir nehmen die anderen ernst, und sie nehmen uns ernst. 

FEATURE: Wir bedanken uns für das Gespräch

Ole Scheeren: Spaces of Life, ZKM Karlsruhe, bis 4. Juni 2023